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2010/12/18

[Interviews] Old Seed

Craig Bjerring als Old Seed. In einem winzigen PKW fährt er auf den Parkplatz, seinen gewaltigen, dunklen Bart sehe ich schon von weitem durch die Windschutzscheibe. Er steigt aus dem Wagen, von größerer Statur als ich erwartet hätte und kommt auf mich zu. Begleitet wird er von seinem Kompagnon Sascha Schmitt, klein, helle Haare – kein Bart. Ich könnte mir keinen besseren optischen Gegenpart vorstellen.

2010/12/15

[Konzerte] The Kills - 14.11.2008 - Support: gOOD mORNING fRIDGE bUZZ - Alte Feuerwache/Mannheim

Bereits Anfang des Jahres hatten The Kills den Norden Deutschlands musikalisch versorgt, nun beehrten sie im November auch die südlichen Kreise. Man war schon wochenlang in leichter Anspannung auf das anstehende Konzert, denn zuletzt hatten sich Miss Mosshart (VV) und Mister Hince (Hotel) 2005 blicken lassen. 

Nachdem die Vorband gOOD mORNING fRIDGE bUZZ von dannen gezogen ist, bedarf es einer längeren Umbaupause, die bei der doch sehr überschaubaren Anzahl von Instrumenten etwas unruhig werden lässt. Schließlich erobern Hotel und VV die Alte Feuerwache. Erstmal ein Zigarettchen geraucht, was auch das Publikum dazu animieren zu scheint, beginnt VV dann die ersten Zeilen zu U.R.A. Fever ins Mikrofon zu ächtzen. Wild schmeißt sie die Haare durch die Luft und tanzt lasziv mit ihrem Mikrofonständer, Hotel hingegen scheint auf eine eher gelassen-intensive Weise in seiner Musik aufzugehen. Die starke Bühnenpräsenz wird besonders durch die rebellische und doch so faszinierend-sympathische Art der Beiden bestimmt. Sie füllen den Raum mit sich und ihrer Musik.

Aber auch ein solch virtuoses Ge- und Bespiele, welches auf der Bühne vor sich geht, kann nicht über die deutliche Diskrepanz  zur Tonträgerqualität hinwegtrösten. Sehr hart sind die Klänge, scharfkantig, fast schon blechern und maschinell - es entsteht eine kühle Atmosphäre in der Alten Feuerwache. Die abgerundeten, ausgleichenden Elemente sind rar, welche ein Album wie Midnight Boom in sich so stimmig machen. Songs wie Alphabet Pony oder Hook &Line funktionieren so sehr gut, andere hingegen tun sich schwer, die Feinheiten des Klangs auch in ihrer Tiefe zu entfalten. Sour Cherry frisst sich förmlich durch den Raum, hinterlässt einen stechenden Schmerz,  der Tape Song büßt seine definierte Komposition ein. Da ein Vergleich mit anderen Auftritten der Band fehlt, bleibt die Frage, ob die vermeintlich schlechte Akustik der Location der Perfektion des Abends zum Verhängnis wird. Unerwartet bei diesen Klangverhältnissen hingegen dann wieder die Klarheit bei Black Balloon oder Last Day of Magic. 

Der Vorgänger Now Wow ist an diesem Abend lediglich mit dem gleichnamigen Track vertreten, weshalb auf einige Lieblinge wie Love Is A Deserter oder The Good Ones verzichtet werden muss. Dafür wird das Publikum umso mehr mit Songs des aktuellen Longplayers Midnight Boom verwöhnt, der den absoluten Schwerpunkt der heutigen Setlist darstellt. Hits, die man vielleicht eher gegen Ende des Auftritts respektive in der Zugabe erwartet hätte, werden bereits in der Mitte des Abends zum Besten gegeben. Somit ist es auch immanent, dass die Songauswahl keine gewohnte Dramaturgie verfolgt. Vielmehr liegt der musikalische Höhepunkt im zweiten Drittel und klingt schließlich langsam in der Zugabe aus. Hier besinnt man sich seiner Wurzeln und packt gleich 2 Coverversionen ins Zugabenpaket. Es ist eine Art Midnight Boom, welcher die Ohren des Publikums nahezu zerplatzen lässt, wenn VV und Hotel mit Dropout Boogie sich und die Gitarre in die Knie spielen.

[Konzerte] Cold War Kids - 11.11.2008 - Support: Emirsian - Mousonturm/Frankfurt

Eine Woche nach der geschichtsträchtigen Amerika Wahl 2008, kehrt in diesen 11. November die traditionelle Normalität ein. Kinder laufen mit selbstgebastelten Laternen durch die Gegend und singen Lieder, für die Narren beginnt nun die 5. Jahreszeit. Benzol befindet sich an diesem Novemberabend auf dem Weg in den Mousonturm, wo sich die Cold War Kids aus Kalifornien die Ehre geben. Wir sind gespannt wo sie sich zwischen Weltpolitik, christlichen Kindergesängen und Narrentum einreihen werden.

Bei Betreten des "Theatersaals" ist die Vorband Emirsian bereits am musizieren. Sehr ruhige Klänge, optisch untermalt mit dichtem, weißen Rauch aus der Nebelmaschine, vermögen die herbstliche Atmosphäre nach drinnen zu holen. Die im Publikum an einigen Stellen zu vernehmenden vernichtenden Kritiken, sind wohl mehr auf die Darstellung als weniger auf die Darbietung an sich zu beziehen.  Das 3er Gespann um Sänger Aren Emirze, der sich mit diesem Soloprojekt eine Auszeit seiner Band Harmful nimmt, stellt doch eine nicht nur optisch interessante Konstellation dar. Auch musikalisch geht die Verbindung der sanften Gitarrensongs mit den ausdrucksstarken Stimmen der beiden Musikkolleginnen über ein bloßes Singer-Songwriter Dasein hinaus. Wenn Aren dann vor lauter Dankbarkeit allerdings die Namen der zwei Damen verwechsel, stößt dies bei den Zuschauer auf wenig symphatisierende Reaktionen. Das Schlusslied singt Aren auf seiner Muttersprache armenisch und widmet dieses seinem verstorbenen Vater, der ebendieses auch einst komponierte.

Das nun folgende Heraufkommen der Cold War Kids auf ihre Bühne, zumindest  für die nächsten 75 Minuten, ist sehr charakteristisch für die Selbstinszenierung der Band während des ganzen Abends. Es ist nahezu dunkel, Augenpaare richten sich auf die Bühne,  Every Valley is not a Lake ertönt und allmählich durchdringt auch die Bühnenbeleuchtung den Raum. Sänger Nathan Willett sitzt am Klavier, das breite Kreuz seitlich zum Publikum gewendet. Matt Maust am Bass, erinnert durch sein fortwährendes Herumtigern sehr an eine Wildkatze, die in ihrem Käfig auf ab läuft. Komplettiert werden die Kids von Matt Aveiro der sein Schlagzeug betrommelt und Jonnie Russell, der seiner Gitarre wegen anderer, nicht weniger reizvollen Klangkörper nicht treu blieben wird.

Die bereits im Auftaktsong sehr zurückhaltende Präsenz der Band wird vor allem in Robbers noch einmal symbolisch unterstrichen, wenn der Saal erneut in schwarz gehüllt wird, die Jungs mit Taschenlampen bewaffnet ihrem Publikum in die Gesichter leuchtet und somit eine Art Individualisierung der Masse hervorrufen. Der pragmatische Zweck hinter dieser Prozession liegt Mutmaßungen zu Folge im "Ausschauhalten" nach Groupies für die weiteren Abendestunden.

Einen Blick auf den Rang geworfen, ist dieser nur spärlich gefüllt, insgesamt kann man die Zuschauerquantität als mäßig bezeichnen. Dennoch hat dieser "Füllzustand" potenzielle Vorteile: Man hat die Möglichkeit seine Körperbewegung ungehemmt zu entfalten. Im Laufe der Show wird allerdings klar werden, dass man diese Freiheit - zumindest der Bewegung wegen - gar nicht bräuchte. So eingängig und bewegungsstimulierend einige Stücke auch sind, nach ausgelassenem "Tanzen" ist offensichtlich niemandem zu Mute und so beschränkt sich die Aktivität der Zuschauer vielmehr auf Beobachten, Zuhören, die Lieder weiterdenken und dabei den Rhythmus mit zu wippen. Nicht mal das von der Band selbst als "Dancenummer" bezeichnete Something is not right with me kann dem Publikum die Hummeln in den Allerwertesten zaubern. Wenn auch der körperliche Ausdruck eher zu kurz kommt, zeigen die Kids, dass es genug Gründe gibt, weshalb man sich heute auf den Weg nach Frankfurt-Bornheim gemacht hat. Warum man an diesem Abend nicht vor dem Fernseher sitzt und Wahl-Analysesendungen sieht, mit der Laterne durch die Gegend zieht und eine Sankt Martins Brezel abzustauben sucht oder die nächsten 3 jäcken Monate herbeisehnt repektive abzuschaffen wünscht. Die Cold War Kids sind nun eben keine Band, die ihrem Publikum die letzten körperlichen Kraftreserven nimmt und doch werden die Menschen angesprochen und hineingezogen in das Geschehen, dass sich vor ihren Augen und Ohren abspielt. Die Involviertheit zeigt sich wenig später besonders wenn bei We used to Vacation gut die Hälfte des Publikums der Familie zu Liebe dem Alkohol abschwört. Die Singleauskopplung von Hang me up to dry rechtfertigt sich auch durch seine Live absolut überzeugende Qualität, die sich in der Kombination aus gemächlichem Grundrythmus, Nathans durchdringend-aufforderndem Gesang und dem zeitwiese willkürlichen Hauen in die Klaviertasten kennzeichnet.

Das als Tiefphase empfundenen Minuten um Lieder wie Relief und Dreams Old Men Dream oder den neuen Track Coffee Spoon lassen den Schluss zu, dass die emotionalisierenden Qualitäten des Klaviers eben auch für die Cold War Kids von essentieller Bedeutung sind. Wenn dann die ersten Töne von Hospital Beds erklingen, ist man wieder bereit die Musik aufzusaugen, die vorher eben nur leicht tangierte. Soundtechnisch - zumindest vorne rechts - leider nicht so reibungsfrei wie vorherige Stücke, gehört es trotzdem zu den persönlichen Glanzlichtern und liefert somit einen starken vorläufigen Höhepunkt. Dieser wird um eine Zugabe aus dem dramaturgisch retardierenden Against Privacy und schließlich St. Johns erweitert. Die musikalische Vielfalt, mit der die Kids Instrumente zum Einsatz bringen wird hier treffend resümiert und der Song bildet somit einen gelungenen Abschluss, der das Publikum ein letztes Mal - für heute - mitzureißen vermag. 

[Konzerte] Nada Surf - 04.05.2008 - Support: Bell X1 - Colossaal/Aschaffenburg

Nada Surf am 4. Mai im überschaubaren Colos-Saal Aschaffenburg, bringen altbekanntes und wohlbewehrtes sowie neuere Verwirklichungen vom aktuellen Longplayer „Lucky“, variiert und remodelliert zur einer grandiosen Show, die Publikum und Band gleichermaßen Freude spendet. Auf ihren Platten überzeugend durch den klaren Klang der Stimme und der Melodien, ist von diesem in ihrer Show an diesem Abend nicht sehr viel zu spüren. Etwas hart anmutend sind die Gitarren, durchdringend der Bass, Matthew Caws Stimme nicht annähernd so dominierend wie erwartet. Der Wehmutstropfen: Durch den kontinuierlichen Gitarrengrund heben sich dich Stücke vielleicht nicht ganz so sehr voneinander ab wie sie beim Hören der Platten tun.

Sobald dann aber ein Sich-einlassen auf den eben ziemlich rockigen Sound erfolgt ist, können knappe 2 Stunden einer passionierten Darbietung mit allen Ohren genossen werden. Die Leidenschaft des Musikmachens ist Nada Surf in jeder Minute – und davon gibt es eine ganze Menge an diesem Abend - anzumerken. Blickt man auf das nunmehr über 15 jährig Bandbestehen zurück, ist es schon sehr erstaunlich mit welcher Unverbrauchtheit sie da dem Aschaffenburger Publikum ihre über 20 Songs präsentieren. Überdenkt man die Zeit von 15 Jahren im Kontext des Musikmachens, kann man doch überrascht sein von der unheimlich jugendliche Energie und Leichtigkeit die die Band ausströmt und sie zu einer der sympathischsten Bands macht,  die ich in meinem nunmehr 5-jährigen Konzertleben sehen durfte.

„Happy Kid“ ist wohl das Lied, mit der man diese bedachte Jugendlichkeit, die besonders Caws  innezuwohnen scheint, vergleichen könnte.  Fühlt man sich dabei selbst noch einmal in die eigene Kindheit zurück versetzt. Vielleicht ist es dieser kindliche Charme, der einen Großteil der Sympathie für die Band ausmacht. Oder aber die Heterogenität der drei Bandmitglieder, die Individualität wahrt, und dennoch ihren Überschneidungsmoment im gemeinsamen schaffen musikalischer Stücke erfährt: neben Sänger Matthews, ist es Bassist Daniel Lorca der mit seinem imposanten Hair-Design als „Blickfang“ bezeichnet werden kann, sowie Drummer Ira Elliot, der wie seine Bandkollegen schon zu Schulzeiten musizierte. Zur Unterstützung auf den 6 Seiten respektive den schwarz-weißen Tasten außerdem dabei Gavin, der das Trio zu einem temporären Quartett komplettiert.

Dass Nada Surf aber nicht in einer abgegrenzten kindlichen Traumwelt befinden, zeigen Songs wie „Kilian’s Red“ oder „Inside of Love“, die eine vorübergehende Beklommenheit  evozieren. Nach einer kurzen Anekdote, die den Plot des nächsten Songs „Fruit Fly“ wiedergibt ist es in den folgenden Minuten ein „köstliches“ Bilderspiel, welches sich da vor dem inneren Auge auftut - zu sehen, wie Matthew Caws da an seinem Frühstückstisch sitzt und sich neben ihm die Fruchtfliegen sich über sein vergammeltes Brot hermachen.

Zur persönlichen Freude erlebt das schon etwas betagtere „Stalemate“ einen zweiten Frühling, wenn es mit dem Joy Division Klassiker „Love will Tear us apart“(der auch immer wieder gerne von bewundernden Bands adaptiert wird) verschmilzt zu einem Moment voller melancholischen Schwelgens in näherer und fernerer Vergangenheit.

Wenn auch ein bisschen wehmütig, dass herrliche „La Pour ça“ an diesem Abend nicht vernommen zu haben, stellt es keinen ernsthaften Mangel dar, denn die Show ist gefüllt mit sorgsam gewählten und positionierten Stücken. Die überzeugende Liedauswahl ist auch daran erkennbar, dass mit „Always Love“ eigentlich ein als geglückt empfundenes Abschlussstück gezaubert wurde. Als die 4 Musikkünstler die Bühne unter dem Applaus dann aber widererwartend nicht verließen blieb die Frage, welches Lied denn nun nach den Sternen im Publikumsweltall greifen könne. Die ersten Takte vernommen löste sich das Rätsel im Wohlklang von „Blankest Year“ auf. „Oh fuck it i’m gonna have a Party“, wird da der Refrain gegrölt vom Publikum sowie von ein paar auf die Bühne geholten Freunden, die die besungene Party zusammen mit Nada Surf ausleben dürfen.

Es ist also sicher kein post-bereuendes Vorhaben sich Nada Surf zum Beispiel am 27. Juni in der Darmstädter Centralstation anzusehen oder auf einem der weiteren Deutschland- bzw. Europa-Konzerte, die noch bis zum Herbst stattfinden. Zu lauschen den Klängen, den Worten, die einem mal ein Lächeln entlocken, ein anders Mal vielleicht in kurzes, tiefes Unglück zu stürzen vermögen. Wenige Bands schaffen es wohl einen Abend völlig verschiedener Stimmungen zu kreieren, bei dem am Ende aber doch das Gefühl der Zufriedenheit überwiegt und vor allem – bleibt.

[Konzerte] Old Seed - 17.04.2008 - Support: Fehlanzeige - Waggonhallen/Marburg

Old Seed spielt nicht auf einer Bühne, er spielt in einem Wohnzimmer - vielleicht etwas größer als das der meisten. Doch weist es sonst alle Eigenschaften eines solchen Raumes auf. Gepolsterte Sitze, Couchen, Sessel, Decken, Kissen.  Das Lagerfeuer-Feeling wird an diesem noch etwas kühlen Aprilabend in Form eines Kamins ins Haus geholt. Für das Publikum beginnt ein Abend Singer-Songwriter Genuss. Eben noch auf einer der Couchen sitzend, begibt sich Craig Bjerring a.k.a. Old Seed zusammen mit Sascha Schmitt in den vorderen Teil des Wohnraumes. Hier genügen ihnen zwei Klappstühle, die Instrumente und ein wenig Equipment um den vermeidlichen Fernseher in jähe Vergessenheit geraten zu lassen.

Old Seed beginnt mit einem Instrumental, welches – ausnahmsweise – nicht von ihm selbst stammt. Es folgen Lieder wie „Queen oft he French Farewell“ oder das Banjo-begleitete „Blood“, beide auf der neuen Platte zu finden, die das Publikum in Emotionen fesseln.  Die besungene Jämmerlichkeit in „Woebegone“ benötigt seine Semantik nicht. Ist es doch Craigs Stimme, in Kombination mit der Gitarre und den doch wehklagenden Tönen des Akkordeons, welche die Bedeutsamkeit des Wortes erübrigen. 

Nachdem er die Musik hat sprechen lassen, sind seine folgenenden Worte direkt an seine Zuhörer gewandt:  „This is an interactive evening…“, legt die Vermutung nahe,  dass Old Seed sich nicht als Lehrenden sieht, der sein Wissen lediglich zu vermitteln sucht. Vielmehr möchte er doch einen Austausch mit seinem Publikum, möchte sie an seinen Erfahrungen teilhaben lassen und auch an ihren Erfahrungen teilhaben. Ist das Sammeln von Erkenntnissen doch ein Grund weshalb es Craig schon seit vielen Jahren hinaus in die Welt zieht. Zur Ruhe kommt er dann wenn er sich wie an diesem Abend in Marburg, in ein großes Wohnzimmer setzt, und für eine handvoll Menschen an seinen Reisen teilhaben lässt – über die Musik.

Besonders auffälliges ist der Umgang der beiden Musiker mit ihren Instrumenten. Craig der aktive, Sascha der Zurückhaltende, der Begleiter. Craig hält seine Gitarre auf eine interessante Art und Weise. Er hat sie nah bei sich und dennoch gibt es eine gewisse Distanz zwischen den beiden. Die auffallend starre Körperhaltung Craigs, fast als müsse er sein Instrument mit Kraft festhalten, vielleicht zähmen, verdeutlicht dies. Mal streicht er sie sanft an, als kitzele er sie, dann wieder schlägt er betörende Akkorde, als müsse er sie zwingen die gewünschten Töne von sich zu geben. Sascha scheint im Gegensatz zu Craig mit seinem Akkordeon zu verschmelzen, scheint es umschlingen zu wollen. Den Kopf auf es legend, als sei es sein wertvollster Schatz, untermalt er die Lieder, verleiht eine Atmosphäre. Wie es sich auf und zufächert wie ein lebender Organismus, stellt das Akkordeon für die traumhafte Musik Old Seeds ein beruhigendes Objekt dar, auf welchem der Blick ruhen bleibt, um die Musik in sich aufzunehmen.

So ungewöhnlich die Lokation und das Musiker-Gespann, so ist es auch die Gage. Für den Abend gibt es keinen festgesetzten Eintrittspreis, das Konzept lautet: Jeder zahlt so viel er kann. Zur Pause geht dann ein schwarzer Hut durch die Reihen, welcher zum Tausch von Spenden gegen Erdnüsse einlädt. Mutet diese Regelung vielleicht etwas samariterlich an, liefert Craigs Kommentar „if you give nothing god will punish you…“ eine humorvolle Relativierung. Dennoch enthält sie einen ernsten Kern:  Auch ein Konzert in privater, freundschaftlicher Atmosphäre benötigt einige finanzielle Mittel um seine Realisierung in allen Himmelsrichtungen finden zu können.

Diese werden neben den Spenden über den Plattenverkauf erreicht. Das multifunktionale Wohnzimmer, welches bis zum Zeitpunkt bereits Bühne, Zuschauerraum und Bar in einem darstellte, fungiert in der Pause auch als Merchandisestand. Betrieben wird dieser, wie nicht anders zu erwarten war, von Craig und Sascha. Die 10-Inch EP „Simple Tales Of Morality“  ist nicht nur durch ihren putzigen Katzenkopf gut durchdacht weil kaufanregend, auch eventuelle Engpässe bezüglich eines Plattenspielers wurden mit einkalkuliert und kurzum eine CD-Kopie beigelegt.

Kaufanregend sind in jedem Sinne auch die nächsten Minuten musikalischen Genusses. Mit seinen Liedern erschafft Old Seed eine akustische Räumlichkeit. Durch den Wechsel von leisen, zarten Gesängen zu straken, durchdringenden Tönen, vermag er es sein Publikum die Tiefen des Raumes erfahrbar zu machen, wie in „You’ve got nothing but light, let it shine“. Zuweilen schafft er dies ohne jegliche instrumentale Begleitung, mit der bloßen Kraft seiner Stimme:  so singt er eine einzelne Textzeile immer wieder, und jedes Mal so wohltuend, dass man sich wünscht er würde niemals damit aufhören.  

Nach seinem vorerst letzten Stück, setzt sich Craig zurück auf das Sofa, als warte er selbst auf die Zugabe. Den Abend beendet er schließlich mit dem schnelleren Song „Evil Eye“, welcher dazu dienen soll, alle wieder aus ihrer Traumwelt zurück in die Realität zu holen. Denn das ist es, was Craig mit seiner Musik vermag: sein kleines Publikum an den Erfahrungen seiner Reise teilhaben lassen, sie gewissermaßen entführen in die weite Welt, und sie schließlich wohlbehalten wieder im Wohnzimmer absetzen, wo sie sich gerne an diesen kurzen Traum zurück erinnern.