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2011/04/14

[Platten] Cargo City - Dance/Sleep

Erfahrungsgemäß findet der größte Stilsprung im Schaffen einer Band zwischen dem ersten und zweiten Album statt. Idealerweise hat man mit dem Debüt, oft roh und wie direkt von der Leber runter geschrieben, den Durchbruch geschafft und versucht sich bei der zweiten Scheibe an dickerer Produktion, ausgefeilterem Songwriting und überhaupt will man der Welt mit sämtlichen zur Verfügung stehenden Mitteln beweisen, dass der erste Erfolg kein reiner Glücksgriff war. Bei Cargo City hat dieser Schritt allerdings ohrenscheinlich zwischen dem Zweitling und Drittling stattgefunden.

Man könnte natürlich die Vermutung anstellen, dass das daran liegt, dass Cargo City zu Beginn ein reines Soloprojekt von Simon Konrad waren und die vier Musiker, die er sich live zur Unterstützung dazu holte, erst nach dem ersten Album fester Bestandteil der Band wurden. Mit der zweiten Scheibe „On.Off.On.Off.“ folgte dann die Beachtung durch eine breitere Masse und die Beteiligung am Soundtrack zu einem deutschen Kinofilm. Das darauffolgende  Album würde also mehr oder weniger zur Bewährungsprobe vor einem gespannten Publikum werden. 

Bei „Dance/Sleep“ braucht man allerdings mehrere Hördurchgänge, bis man so wirklich weiß, was man davon halten soll. Es war zu erwarten, dass Cargo City die Singer-Songwriter-Anfänge, zumal eben nun in Bandkonstellation, irgendwann hinter sich lassen würden und sich unter den Augen und Ohren einer größeren Zuhörerschaft auch einem größeren Sound zuwenden würden. Umso, nun ja, verstörender ist es dann, dass der erste und titelgebende Track auf dem Album sich nicht sofort mit einer eingängigen Pop-Melodie anbiedert, sondern mit eher düsteren Tönen beginnt – die bedrohliche Stimmung entlädt sich dann aber in einem dann doch sehr poppigen Refrain, bei dem man ohne schlechtes Gewissen an Snow Patrol und ähnliche Größen erinnert werden darf. Das darauffolgende „Not Like Us“ ist komplett von einer melancholischen Grundstimmung getragen, welche gegen Ende des Liedes in einer wunderschönen, knapp einminütigen Instrumentalbrücke (inklusive Orgel und Streichern) kulminiert. Der dritte Track mit dem großartigen Titel „Let’s Fail In Love“ verweigert sich dann wieder einer weichen Eingängigkeit und kommt lieber mit einem zweistimmig ausgetragenen Duell um das große Thema mit dem großen L daher.
Auch „The Choir“ stellt eher eine ungünstige Begleitung für einen fröhlichen Sommerabend dar und wenn man nun so langsam denkt, dass „Dance/Sleep“ lieber am Anfang eines düsteren, kalten Herbstes hätte veröffentlicht werden sollen, schlägt das verspielte „Julian“ der bislang vorherrschenden Melancholie kurz ein Schnippchen, um bei „Walk Over The Alps“ wieder auf das Rezept „düsterer Anfang, hoffnungsvoller Refrain“ zurückzugreifen. Mit „Smile At Me“ und „The Tale Of The Careless Man“ werden dann Tempo und Lautstärke runtergeschraubt, um mit „All That You Need“ einen Titel rauszuhauen, der es irgendwie schafft, sich einer besonders eingängigen Melodie zu verweigern und trotzdem astrein tanzbar zu sein. Mit dem letzten, Weltuntergangstimmung erzeugenden „Life In Reverse“ wird wieder der Albumtitel aufgegriffen – während man im ersten Lied allerdings noch „I lay back to watch her dance while I sleep“ sang, bekommt man hier unter anderem „You only sleep with the bible in your right hand, you only dance with the bottle in your left hand“ vor den Latz geknallt – nicht unbedingt die Zeilen, die Optimismus suggerieren.

Sucht man nun nach musikalischen Kleidungsstücken, mit denen man „Dance/Sleep“ zusammen in eine Schublade legen kann, muss man wohl vor allem an Conor Obersts Bright Eyes denken – sowohl in gutem wie in schlechtem Sinne. Positiv fällt einem der Ideenreichtum und die musikalische Vielfalt auf, der diese Platte trägt, neutral kann man einen eher schwermütigen Ton feststellen, der sich durch das ganze Album zieht. Schade ist allerdings, dass sich Konrad, der sonst immer eine sehr angenehme Singstimme hatte, auf „Dance/Sleep“ nur allzu oft in den Oberst’schen gepressten Nölmodus verfällt, was bei manchen Liedern zwar sehr passend ist, aber über weitere Strecken doch sehr auf die Nerven fallen kann (vor allem, wenn man diese Art zu singen prinzipiell nicht ausstehen kann).

Geht man nun auf die anfangs erwähnten Unterschiede zwischen ersten und zweiten Alben einer Band ein, kann man feststellen, dass sich hier so einige Phänomene wiederfinden. Gegenüber den ersten beiden Alben haben sich Cargo City deutlich weiterentwickelt, haben stark am Sound gefeilt und sich musikalisch viel mehr ausgetobt – leider muss man aber sagen, dass die dazugekommenen Raffinessen teilweise das Herzblut überschatten, welches man in den früheren Alben viel deutlicher heraushören konnte. Nichtsdestotrotz ist „Dance/Sleep“ ein solides Album-Album geworden, aus welchem kaum einzelne Stücke herausstechen, sondern das in seiner Gesamtheit wirken muss. Es bleibt abzuwarten, wie die angefixte Öffentlichkeit auf den Stilbruch reagieren mag.

7/10

VÖ: 15.04.2011 über Rebecca&Nathan/Intergroove

Und statt ein Video zu posten, welches man an dieser Stelle trotzdem genießen kann, gibt es hier den Link, unter dem ihr den Titelsong "Dance/Sleep" kostenlos runterladen könnt!

2010/12/15

[Konzerte] Big Bum Chak Festival - 21.09. bis 27.09.2009 - Hazelwood Studios/Frankfurt

Frankfurt am Main hat ein neues Baby.  Dieses Jahr fand zum ersten Mal im Stadtteil Rödelheim das siebentägige Big-Bum Chak – Festival statt, welches zahlreiche Bands aus dem In- und Ausland vereinte und gemeinsam auf die Bühne bat. Zudem stand das BBC als Vorbote einer Konzertreihe in den Hazelwood-Studios, die ab nun jeden Freitagabend ein Konzert in ihren heiligen Hallen präsentieren werden. Benzol war für euch an zwei Tagen des Festivals vor Ort und schickt sich an, in Folge das Erlebte an euch heranzutragen. 

Donnerstag: 24.09.2009 ---- Pillow Fight Club/Spurv Laerke/ Morning Boy -----
Die Hazelwood Studios sind gar nicht so leicht zu finden. Da das nach Industriegebiet anmutende Gelände rund um die Studios mal schnell zum Irrgarten werden kann, trafen wir gegen 8 Uhr mit einer leichten Verspätung und minimal erhöhtem Frustrationspegel am Ort des Geschehens ein. Die ersten Besucher schienen wir dann jedoch trotzdem zu sein und so blieb genug Zeit sich einmal einen Ersteindruck vom Ort des Geschehens zu machen. Sehr angenehme und ungewöhnliche Atmosphäre, die die Hazelwood Studios bereitstellen: Die Zuschauer befinden sich quasi in dem Raum, in dem Bands ihre Alben einspielen und dieser wiederrum ist schick eingerichtet. Getrennt von einer Glasschabe befindet sich direkt nebenan der Regieraum, der zusätzlich noch mit einigen Lavalampen bestückt ist und einem steifen Arbeitsklima somit die Luft aus den Segeln nimmt. 

ImageNachdem ich die Jungs von Morning Boy zum Gespräch bitten durfte (welches in wenigen Tagen hier in abgetippter Form zu sehen sein wird),  standen eben diese kurze Zeit später auf der Bühne und gaben einen Querschnitt ihrer bisherigen Werke zum Besten. Vor allem die neuen Stücke klingen beatlastiger und wirken in ihrer Atmosphäre verdächtig wie die Musik von Joy Division – keine schlechte Wahl also. Gespickt mit einigen älteren Hits der For us the drifters, for them the bench-EP war die dreiviertel Stunde gut gefüllt und die Resonanz des Publikums gab den Jungs durchaus recht. Bemerkenswert hierbei auch ein wichtiger Punkt, der sich durch das ganze abendliche Programm ziehen sollte: Der Sound war für Clubs in dieser Größenordnung überdurchschnittlich gut. Lediglich am Licht lässt sich noch etwas arbeiten. Die hektischen Wechsel machten die Shows, jedenfalls für mich, teilweise ein wenig (unnötig) anstrengend. Aber alles halb so wild.

Nach einer 15-minütigen Umbaupause standen mit Spurv Laerke schließlich die erste hauseigene Hazelwood-Band aus (ich glaube größtenteils) Dänemark auf der Bühne, die mit ihrer Musik phasenweise stark an Metric aus Kanada erinnerten. Frontsängerin Kristina Kristoffersen glich mit ihren roten Haaren äußerlich zwar nicht übermäßíg der Metric-Frontfrau Emily Haynes, jedoch kam sie in Punkto Mimik, Gestik und vor allem Gesang stark an das kanadische Pendant heran. Wie dem auch sei: Sehr ansehnlicher Auftritt des Fünfers und die geforderte Zugabe zum Ende hin wurde noch einmal mit Aufschlag belohnt. Das Debütalbum On the brink of the big otter der Band ist ab Ende Oktober hier zu bekommen - und auf ihren Konzerten sogar jetzt schon. Reinhören lohnt sich auf jeden Fall!

ImageDen Abschluss als Headliner machte schließlich mit Pillow Fight Club die zweite Hazelwood-Band des Abends. Diese haben – ähnlich wie Spurv Laerke – vor Kurzem ihr neues Album fertiggestellt und es ebenfalls an diesem Abend zum Kauf angeboten. Live gab es dementsprechend auch nur neues Material auf die Ohren. Die Band spielte es fast gänzlich ohne Stockfehler vor und der Ersteindruck des Albums hinterließ einen fast durchweg guten Nachgeschmack. Die durch den Rauch und die fehlende Belüftung entstandene Hitze machte den vier – ähnlich wie dem Publikum – ordentlich zu schaffen und so wurde nach etwa einer Dreiviertelstunde mit Nova lediglich ein älteres Stück als Zugabe durch die Boxen gejagt. Ein gewohnt souveräner Auftritt der Damen und Herren und für mich ein absolut ordentlicher Einstand in den neuen Hazelwood-Studios. Eine Bemusterung zu ihrem neuen Longplayers About face and other constants findet ihr in Kürze hier bei uns.


Sonntag: 27.09.2009 -- B.E.E.S./Kenneth Minor/Major Parkinson/Cargo City --
Im fernen Rödelheim luden die Hazelwood Studios zum letzten Festivaltag ihres, mit einem extrem feinen Line-Up gesegneten, Big Bum Chack - Festivals. Die Studios selbst waren Clubneuland für mich und nach einigen, dank eines defekten Navis, Umherirrens konnten wir einen Parkplatz direkt vor der Tür ergattern.
An der Kasse erfuhren wir, dass wir anscheinend schon längst drinnen zu sein schienen. Mit einem Kommentar des Kassenmanns "Glaub ich nicht, sind noch nicht so viele Leute da" durften wir letztendlich doch passieren. Die Studios selbst sind eine sehr sympathische Location. Klinkersteine und Veranstaltungsposter an den Wänden. Links von uns flimmern die letzten Hochrechnungen der Bundestagswahl im Breitwandformat. So richtig viel los ist wirklich noch nicht, so um kurz vor acht. Naja, wird schon noch kommen. Und richtig, so langsam füllen sich die doch eher beengten Hallen. Trotz weit geöffnetem Fenster steigen die Temperaturen auf hochsommerliches Niveau. Da auch geraucht werden darf, dauert es nicht lange und die Luft ist zum Schneiden dick.

Die B.E.E.S. eröffnen den Abend mit einer Mischung aus Folk und gemässigtem Rock verfeinert mit einer Menge experimentellen Passagen. Backgroundsängerin Eva  Müller entpuppt sich als Multiinstrumentalistin. Bei "Physical Lie" stolpert sich ein Akkordeon durch das Lied. Bei "Nobody Knows" ist es eine Mundharmonika. Gitarre, Ukulele oder Keyboard. Alles kein Problem für die Dame am linken Rand des Blickfelds. Sänger Benedikt Baum, der nebenbei u.a. auch Sänger/Bassist bei "Low 500" ist, hat sichtlich Spaß an diesem Abend. Der Funke springt aufs Publikum über und aus andächtigem Nicken wird anerkennendes Johlen. Nach einer knappen Stunde und einer Zugabe müssen die B.E.E.S. leider die Bühne räumen. Gute, was rede/schreibe ich da, nein sehr gute Band. 

Mittlerweile lief der Schweiss aus jeder erdenklichen Pore und wir suchten erstmal Schutz im Treppenhaus, damit die dort anwesenden auch etwas von unserem Duft der zwischen Sportstunde und Kneipenabend tendierte genießen konnten.

Während wir die Luft verpesteten, spielen sich drinnen Kenneth Minor warm. Zwar lichten sich die Reihen hier ein bisschen, schlechte Musik hört sich aber dennoch anders an. Einzuordnen sind ist die Deutsch-Amerikanische Band genau wie ihre "Vorband" im Bereich des Folk. Dennoch sind beide Bands nicht wirklich miteinander vergleichbar. Während die B.E.E.S. auf einen hypnotischen, schon fast beschwörenden Sound setzen, kommen uns bei Kenneth Minor Saloonszenarien in den Sinn. Fast schon real sehen wir betrunkene Cowboys durch den Saal tanzen und Biergläser von den nicht vorhandenen Klavieren schießen.  Feine und überaus beschwingte Musik. Außer leichten technischen Problemen, die vom Gitarristen mit einer Michael Jackson Imitation humorvoll überbrückt werden, liefern die Jungs einen ziemlich guten Auftritt ab.
Tja, und dann schlug das harte Los des Nutzers von öffentlichen Verkehrsmitteln zu. Die ewige Antisympathie zwischen Frankfurt und Offenbach, die sich auch in den Fahrplänen von Bus und Bahn wiederspiegelt, führte dazu, dass wir nach Kenneth Minor das Festival verlassen mussten und so Major Parkinson und Cargo City verpassten. 

Abschließend bleibt mir nur zu sagen, dass die Hazlewood Studios ordentlich was aufgefahren haben, um das Festival zu einer großen Nummer werden zu lassen. Hut ab im nächsten Jahr sind wir gerne wieder dabei.