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2010/12/18

[Platten] Pascow - Alles Muss Kaputt Sein!

Image Generell tut man sich ja schwer damit, eine Band zu bewerten, von der man noch nie Etwas gehört hat; die es aber schon gab als man selbst noch mit der Trommel um den Weihnachtsbaum gelaufen ist. Bei der neuesten Scheibe von Pascow ist das zwar auch schwer, macht aber zumindest viel Spaß.

Für diejenigen unter euch, die mit dem Namen Pascow bisher auch nichts anfangen konnten, sei das Wichtigste aus der Wikipedia zitiert: Pascow wurde 1998 gegründet, stammt aus Rheinland-Pfalz und dem Saarland, und spielt „schwungvollen, melodiösen Punkrock mit intelligenten und aussagekräftigen Texten“. Warum immer selber formulieren, was andere schon gemacht haben, besonders wenn es stimmt?

„Alles muss kaputt sein!“ enthält 32 Minuten Punkrockparty, macht von vorne bis hinten Spaß. Gesungen wird zum Großteil auf Deutsch, teilweise auch auf Englisch (welches allerdings auch wieder sehr Deutsch klingt). Gesanglich und textlich komme ich nicht umher mich an die „modernen deutschen Punkbands“ zu erinnern, Escapado, Turbostaat und solche Geschichten – das mag man auch anders sehen. Ich jedenfalls find es tendenziell hervorragend: Pascow machen keinen dummen Kellerpunk, sondern modernen, anspruchsvollen, gut produzierten, intelligenten Punk, was erklären dürfte, warum eine kleine Band aus Süddeutschland so lange übersteht.

Der Punk spricht auch aus der kurzen Spielzeit der jeweiligen Stücke – nur eines knackt die Dreiminutenmarke. Die einzelnen Lieder ähneln sich natürlich und es dauert eine kleine Ewigkeit bis man sie einzeln wieder erkennt. Das ist eigentlich mein Hauptkritikpunkt: Warum nicht mal ein längerer Track, der aber stärker für sich selbst steht? Hat man sich erstmal reingefummelt kann man durchaus in jedem Lied seinen kleinen persönlichen Höhepunkt sehen, ob das jetzt „je ne sais pas wo’s lang geht“ oder „mond über moskau“ heißt, ist eigentlich auch schnuppe. Ob die Texte intelligent und aussagekräftig sind, darf jeder für sich selbst entscheiden: Meiner Meinung nach bist du sowieso selber Schuld, wenn du auf die Texte auf dieser Superenergiescheibe hörst, statt mit deinen Freunden wild durch dein Zimmer zu pogen. Ganz im Sinne von „jajaja ich glaub an gar nichts und bin nur hier wegen der gewalt – alles muss kaputt sein!“
Sehr schöne Platte.

VÖ: 22.10.2010 auf Rookie Records, Vertrieb: Cargo Records

P.S.: Pascow auf Tour!
22.10.10 Hannover, Bei Chez Heinz
23.10.10 Hamburg, Störtebeker
29.10.10 Trier, Ex-Haus (Releaseparty)
31.10.10 Mainz, Haus Mainusch
17.12.10 Berlin, SO 36 Weihnachten Verhindern Festival
18.12.10 Osnabrück, Bastard Club
25.12.10 München, Sunny Red
26.12.10 Regensburg, Mälzerei

[Platten] The Great Bertholinis - Gradual Unfolding Of A Conscious Mind

Image Giftschlammkatastrophe, Finanzdebakel, Politikrechtsruck, The Great Bertholinis. Alles das hört man in letzter Zeit aus und über Ungarn. Gibt es da einen Zusammenhang?
 
Meine Freundin, eine Ungarin, hat mir verboten, diesen Artikel so anzufangen. Was habe das Zeitgeschehen mit Musik zu tun? Meiner Meinung nach nicht unbedeutend viel: Musik ist immer Ausdruck einer Zeit, spiegelt Einstellungen und Lebensgefühl einer Gesellschaft wieder.

Nun kann ich leider nicht sagen, inwiefern die Bertholinis, als Exilungarn, ihrem Land noch Aufmerksamkeit schenken – eine Frage die hoffentlich im Interview im Januar 2011 geklärt werden kann. Deshalb beschränken wir uns auf’s musikalische des dritten Albums der Band mit dem komischen Namen, „Gradual Unfolding of A Conscious Mind“ heißt es und ist ganz schön gut.

Wo bewegen wir uns musikalisch? Tendenziell würde ich sagen weniger in Ungarn, als auf dem Balkan, vielleicht sogar in traditionell jüdischen Gefilden. The Great Bertholinis klingen viel nach Klezmer, außerdem viel nach der Musik, die Monsieur Sarkózy indirekt aus Frankreich verbannen will, und zuletzt irgendwo auch noch nach Indierock. Ich paraphrasiere mal: Eine Menge Musiker, acht an der Zahl, haben eine Menge verschiedene Instrumente dabei – Streicher, Bläser, Zupfer – und schmeißen alles in einen großen Gulaschtopf gefüllt mit abwechslungsreichen, melodiösen, angenehmen und kreativen Tönen, mal schneller, mal langsamer. Zu allgemein? Dann weiterlesen.

Hervorheben möchte folgende Songs: „Lucky Pinto“ ist ein dermaßen fröhliches Lied, dass es mir pausenlos ein Lächeln auf die Lippen zaubert. „Lost The Key“ ist atmosphärisch so dicht, dass sonst nicht viel vom Raum übrig bleibt, in dem man gerade sitzt. „I am Can“ flowt und groovt und chillt wie kein zweites vor sich hin. „The Things I Gave“ handelt in meinem Kopf von einem gigantischen Spielzeugladen mit überdimensional großer Verkaufsware, und am Ende machen alle eine große Party. „Puzzle with a Million Thoughts“ hat die perfekte Fröhlichkeitsmelancholiemischung die es heutzutage braucht. „Zucker Serenade“ ist ein hervorragendes modernes Klezmer-Stück. Und das war erst die Hälfte der Platte.

„The bright days have come“ lautet der erste Satz des Albums, und wer soll da nicht an Politik denken? Und trotzdem: All die schlechten Dinge, die man zuletzt aus Ungarn vernahm, die haben nichts mit „Gradual Unfolding of A Conscious Mind“ zu tun. Denn dieses Album ist ein gutes Ding. Und als Zugeständnis an meine Freundin: Es ist nicht das einzige gute Ding aus diesem Land.

Übrigens: Wer als erster eine Mail mit dem Inhalt „Paprika“ an flo@benzol-mag.deDiese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, du musst Javascript aktivieren, damit du sie sehen kannst schickt, bekommt zwei Freikarten für ein Bertholinis-Konzert nach Wahl: Entweder in Gießen (11.12.2010), oder in Marburg (15.01.2011), in Frankfurt (11.02.2011) oder in Fulda (18.02.2011)!
 
VÖ: 22.10.2010 Hazlewood Vinyl

[Platten] Failsafe - What We Are Today

Image Zunächst fragte ich mich, warum eine Band im Jahre 2010 ein Album veröffentlicht, welches mir schon 2005 gut gefallen hätte. Beim näheren Hinsehen fragte ich mich, warum eine zumindest hierzulande eher unbekannte Band 5 Jahre nach Erscheinen eines Albums dieses nochmal releast.

Wie auch immer: "What we are today" liegt uns zur Rezension vor, also beschäftigen wir uns einfach mit der Frage, was Failsafe "today" sind, oder eben vielmehr im Jahr 2005 waren. Man hat's ja immer schwer mit Genrebezeichnungen, ich würde hier am ehesten auf "melodic hardcore punk" tippen, weil ich mal gelesen habe, dass man Rise Against so bezeichnen kann. Failsafe klingen ähnlich, nur jünger. Da klingt noch das College durch. Es klingt aber natürlich auch nicht wie Collegepunk. Es klingt einfach wie das Jahr 2005: Irgendwo zwischen Hardcore, Emo, usw.

Aber genug des Wischiwaschi.

Außer dem Einstieg macht "Actions for answers" verdammt Laune, schneller Rhythmus, Gesang zwischen agressiv und fröhlich, Gitarre und Schlagzeug holzen ordentlich durch. Lust auf mehr! "Unity in Progress" klingt etwas punkiger, es wird hier und da geshoutet, ansonsten bleibt die Linie die gleiche. Der instrumentale Beginn von "Fire At Will" klingt verdammt nach Rise Against, gesanglich muss ich immer öfter an Silverstein denken. Man kann von beiden Bands nicht gerade sagen, dass ich sie nicht mögen würde. Bis hierhin find ich "What we are today" ziemlich geil. So bleibt es eigentlich. Schnell nach vorne, nicht allzuviele Experimente, eine nette Ballade ("To deny yourself") und ein groovender Geheimtrack.

Was soll ich mehr sagen als dies: Der Teil von mir, der in 2005 verblieben ist, ist hellauf begeistert und wundert sich dass er vor fünf Jahren nichts von Failsafe gehört hat. Der Musikrezensent 2010 denkt sich, dass das alles schonmal so dagewesen ist. 2005 zum Beispiel. Aber die alten Zeiten waren ja eh immer die Besten.

[Platten] Dukes Of Windsor - Kitchen EP

ImageFünf Lieder enthält die neue "Kitchen EP" von den Dukes of Windsor, den australischen Wahlberlinern, die ab sofort mit der "Ich bin ein Duke"-Tour in Deutschland unterwegs sind. Vier der Songs sind akustische Aufbereitungen anderer Songs, (wahrscheinlich in der Küche eingespielt, daher wohl der Name), und hey, was soll ich sagen: Sie gefallen mir! Insgesamt handelt es sich um leicht verdauliche Lieder, die musikalisch zwar nicht unbedingt die neuesten aller Pfade betreten (zum Glück), trotzdem in jedem Moment äußerst kreativ und modern umgesetzt sind (hört man vor allem bei "No Disguise" und "The Others").

Manchmal klingt die "Kitchen EP" wie Super 700, ebenfalls aus Berlin, was aus meiner Sicht schon fast einem Ritterschlag gleichkommt - auch wenn ein echter „Duke“ diesen wohl nicht mehr nötig hat. Diese Ähnlichkeit gründet nicht nur, aber speziell auf Grundstimmung und Gesang: Einend auf die vorliegenden Songs wirkt eine gewisse Melancholie, zuweilen vorsichtig, zuweilen offensiv vorgetragen durch die ziemlich weibliche Stimme Jack Weavings, dem wohl auffälligsten Markenzeichen der Dukes.

Lied Nummer 5 von 5 sticht aus den anderen heraus: "Crystal's getting high" als "plugged-Version" gefällt mir schlicht und ergreifend extrem gut. Greift ein Bisschen in die Emokiste, ist dabei aber nie unangenehm kitschig oder überladen. Ingesamt bin ich ja eher ein Verfechter gestöpselter Musik, so wie hier klappt es aber auch, und zwar fantastisch.

Die "Ich bin ein Duke"-Tour 2010
08.10.2010 Hamburg - Indra Mondial
09.10.2010 Bremen - Tower
13.10.2010 München - 59:1
14.10.2010 Frankfurt - Ponyhof
15.10.2010 Freiburg - Kamikaze
16.10.2010 Konstanz - Kulturladen
17.10.2010 Regensburg - Heimat
19.10.2010 Aachen - Musikbunker
20.10.2010 Osnabrück - Haus der Jugend
21.10.2010 Krefeld - Kulturfabrik
22.10.2010 Halle - Club Druschba
23.10.2010 Jena - Rosenkeller
29.10.2010 Berlin - Lido


VÖ: 08.10.2010 / Motor
www.dukes-of-windsor.com"

[Platten] Somersault - The Solitude And Me

Image Wir lassen mal den Fakt beiseite, dass die Sängerin von Somersault, Gudrun Mittermeier, ihren Nachnamen von einem bekannten deutschen Comedian übernahm. Vielleicht mag das einer Karriere auf die Sprünge helfen, worauf es schließlich aber ankommt, in der Welt der Musik, ist eines: Die Stimme. Und die hat sie.

Die Stimme steht denn auch im Vordergrund der 11 Tracks auf "The Solitude & Me", Somersaults mittlerweile drittem Album. Hell ist sie, und klar, und weich, ohne viele Ecken und Kanten, vielmehr mit einer natürlichen Niedlichkeit gesegnet. Diese Niedlichkeit verkauft Textzeilen "and now my love you fade away" etc. hervorragend. Manchmal blitzt da auch etwas Markanteres raus, ich war nicht umsonst sofort an die wunderbare Kristin Hersh erinnert. Mittermeiers Stimme soll Platz eingeräumt werden, sagt der Pressetext, die dezenten Instrumente (hauptsächlich Gitarre) machen das auch weitgehend. Sie machen Platz für viel nachdenklichen, ruhigen Gesang. Dass sie sich oft im Langweiligen, Belanglosen aalen, ist so allerdings hoffentlich nicht beabsichtigt. Aber gut, die Stimme soll im Mittelpunkt stehen: Mittermeier wolle dem "Gebrechlichen, Gefühlvollen" in ihr genug Freiraum geben.

Man fragt sich nur, warum das nicht zuende gedacht ist: Okay, es herrscht eher traurige Stimmung. Okay, die Dame singt recht anhörlich. Aber warum das Ganze nicht mal auf die Spitze treiben? Warum die Stimme nicht mal experimentieren lassen? Warum nicht mal einfach abgrundtief traurig klingen, nicht nur ein Bisschen melancholisch? Warum nicht einfach noch ein Stück mehr „Weglassen”, Songs wie „Out Of The Snow” so enden lassen wie sie anfangen, und nicht mit einem langweiligen Instrumentenregen?

"The Solitude & Me" ist mehr als das, was man von "der Frau von Michael Mittermeier" befürchten darf, nein, das klingt viel negativer als es soll: Es ist in der Tat ein hübsches kleines Album, ich hab es mir gerne angehört, werde es auch wieder tun, ganz sicher. Aber warum ich beim nächsten CD-Kauf gerade Somersault, und nicht einer von den vielen Tausend "Mädchen mit der Gitarre", die da draußen rumspringen, den Vorzug geben soll, das hat sie mir nicht erklären können.
Obwohl sie das - glaube ich - könnte.
 
http://www.somersault.info/

VÖ: 3. September 2010 (Yo Man! / Motor / Rough Trade)

[Platten] Kafkas - Paula

ImageWenn man sich mal durchliest, welchen Weg das Album "Paula" von dieser Fuldaer Band bisher gegangen ist: MTV, Myspace-Charts, SAT1 -  Eigentlich müsste man es gar nicht mehr rezensieren. 

"Kafkas" gibt es seit satten 15 Jahren, allerdings ist es 7 Jahre her, dass man zuletzt von ihnen hörte. In solch langer Zeit kann viel passieren.

Deutschrock ist in wie noch nie, Bands wie "Kettcar" oder "Virgina jetzt!" oder ich-weiß-nicht-wer überbieten sich gegenseitig in tiefgründigen - aber nicht zu tiefgründigen -
witzigen - aber nicht zu witzigen - und kritischen - aber bitte nicht zu ernst zu nehmenden Texten.
Die Kafkas sind jetzt also eine alte Band und haben früher Punk gemacht. Das machen sie jetzt nicht mehr, jetzt machen sie halt das, was alle machen.

Die Frage ist, machen sie es gut? Die erste Single "Klatscht in die Hände!" war auf MTV zu sehen, auf SAT1, war bei Myspace an Platz 1 der Videocharts, das Album wird von den einschlägigen Musikmagazinen überaus positiv bewertet.
Zurecht.

Ohne Frage hat mir "Klatscht in die Hände!" als erster Track extrem Lust auf den Rest der Platte gemacht. Das ist moderner Deutschelektropoprock wie er sich gehört, mit einem nach vorne preschendem Sänger Markus Kafka. Textlich naja, musikalisch einwandfrei. Der Rest des Albums hält dieses Niveau nicht ganz durch - das ist alles solide und auch einigermaßen abwechlungsreich, aber dieses Heißajuche-Gefühl vom Händeklatschlied stellt sich danach nicht mehr allzu oft ein. Mich persönlich nerven die oben angesprochenen halbwitzigen, halbtiefgründigen Texte, aber das ist Geschmackssache, Kafkas begehen jedenfalls keine Verbrechen an der deutschen Sprache.

Auf der Habenseite: Viele geile Elektrobeats gibt es - zum Glück nicht zu inflationär eingesetzt - manchmal machen die Gitarren richtig Spaß, auch stimmlich sind mir "Kafkas" echt
sympathisch. Vor allem "Warum kann die Welt keine Scheibe sein?" hat's mir angetan, weil es mal ordentlich rockt, genauso "Die Götter versagen" oder "Der Kuchen ist gegessen", oder auch "2000 Hände". Der Rest der Platte hält sich in puncto Lautstärke etwas mehr zurück - auch abseit der ein oder anderen Ballade. Als würde da jemand eigentlich immer noch den Punk raushängen lassen wollen, sich aber irgendwie nicht mehr ganz zu trauen. Das ist mit Sicherheit massentauglicher, siehe MTV und SAT1, ist ja auch legitim. Und da steckt immernoch genug Punk drin, um Kettcar und Konsorten ganz weit hinter sich zu lassen.

Der Pressetext wundert sich über das bisher so positive Feedback auf "Paula":
Das muss er nun wirklich nicht.

VÖ:  2010 auf Domcore

[Platten] The Miserable Rich - Of Flight And Fury

Image Wenn man sich in das neue Album von The Miserable Rich erstmal reingehört hat, entführen einen die Engländer in einen mittelalterlichen Wald. Oder in eine Art modernes Über-den-Wolken-Traumland. Oder eben dorhin, wohin man sich von leichten Klavieren, säuselnden Geigen, zupfenden Akustikgitarren und traurigen Celli - zusammen nennt sich das "Chamber Pop" - eben hinentführt fühlt.

Es liegt durchgehend ein Teppich melancholischer Fröhlichkeit auf den Stücken, die mehrfachen kurzen Interludes erwecken den Eindruck eines Konzeptalbums. Welches Konzept? Wahrscheinlich jenes, den Hörer eine dreiviertel Stunde lang auf eine fantastische Reise mitzunehmen, vielleicht mit zu Robin Hood, der von den (nunmehr traurigen) Reichen nahm, um den Armen zu geben. Ich habe den Eindruck auf einer Waldlichtung zu sitzen und dem Hoforchesters des Königs der Diebe zu lauschen. Und dieses scheint eine erstklassige musikalische Ausbildung genossen zu haben! Die wunderschöne Stimme von James de Malplaquet wird begleitet von virtuos zusammenspielenden klassischen und modernen Instrumenten - das Ganze klingt nach Pop, nach Rock, nach Klassik. Und zusammen ergibt das eine wunderbar alternative Mischung, die sowas von tief ins Ohr geht, das Robin mit tränenden Augen und lächelnden Mundwinkeln am Lagerfeuer seine Beute gezählt haben muss.


Vielleicht ist Kammerpopmusik nicht jedermanns Sache, aber man kann kaum anders als sich von dieser Stimmung ergriffen zu fühlen.Die Atmospähre zum Beispiel in "The Mouth of the Wolf" ist dermaßen dicht, der Klavierlauf aus "Hungover" ist so unglaublicheingängig und schön, "Oliver" geht so nah dass man ihn auf der Haut zu spüren glaubt - das ganze Album sprüht nur so vor Stimmung. Zwar geht diese Stimmung in jedem Song in die gleiche Richtung - siehe Konzeptalbum - aber die Lieder stehen in Rhythmus und Tempo abwechslungsreich für sich selbst. Nie hätte ich gedacht dass ich mich für diese Art Musik begeistern kann, aber wow, ich konnte es. Und wie.

Ein berühmter blauer Bär hat mal gesagt dass es "nach tausend in der Ferne brennenden Abenteuern roch, mit einem Hauch von Zimt" - das sei der Geruch von Abenteuer! Könnten Polycarbonate nach Abenteuer riechen - diese CD würde es tun.


VÖ: April 2010 Hazelwood Music Production

The Miserable Rich bei Myspace

[Platten] Featherlike - Kings&Queens

Image Die neue Scheibe von Featherlike - in der Schweiz schon seit 2009 erhältlich - erscheint nun also auch in Deutschland. Vielleicht ist es ein Stück zu einfach, "Kings and Queens" als "angenehmen Poprock, der in die Ohren geht" zu verurteilen, aber ich bin verführt es genau so zu bezeichnen. Gerade die ersten beiden Songs, "How do you Plead" und "Undignified" gehen reichlich in die Gehörgänge und machen Lust auf mehr. Featherlike klingen in ihren guten Momenten so wie man sich Raemonn nach "Supergirl" gewünscht hätte; vielleicht so als würde endlich einer der zahllosen Donots-Verschnitte erwachsen; ein Bisschen klingen die Melodien dann nach The Fray, bei denen der ein oder andere Popsong durchaus gelungen war.

Leider bleibt das anfängliche Niveau nicht durchgängig erhalten: Schon der dritte Track, "Love (is a minefield)" ist nicht nur textlich erschütternd ("...love shoots like a shotgun...love kicks you in the head, shoots when it shouldn't... AUTSCH!) sondern auch musikalisch ziemlich langweilig. So manchen Song ("Waiting for the Sun") könnte ich mir gut als neuen Frühlingsprogramm-Jingle auf SAT1 vorstellen - das ist schon irgendwie catchy, aber auch ziemlich profillos.
Man soll das nicht falsch verstehen: Es gibt hier keinen Ausfall nach unten und allgemein ist melodiös, gesanglich und textlich einiges geboten, aber der grosse Wiedererkennungswert fehlt, die Ecken und Kanten. "The Girl with the bleeding nose" mit seiner grandiosen Klimax, oder eben auch "How Do You Plead" beweisen, dass Featherlike das können - gezeigt wird es aber zu selten.

So bleibt am Ende das Pauschalurteil: Angenehmer Poprock, der in die Ohren geht. Sobald der Frühling auf SAT1 vorbei ist, geht er da aber bestimmt bald wieder raus...

www.featherlike.ch

[Platten] Die Aeronauten - Hallo Leidenschaft

ImageAus der Schweiz hört man zur Zeit nicht viel Gutes: Als Steuersünderparadies verschreit man die Eidgenossen und vieles dreht sich in den letzten Wochen um eine bestimmte leider nicht um die neue Scheibe der Aeronauten, auch wenn die sich ähnliche Aufmerksamkeit sicher wünschen würden. Nun, hier soll sie jedenfalls schon mal besprochen werden: „Hallo Leidenschaft“ heißt sie und leider muss ich sagen, dass die Leidenschaft über weite Strecken eher vermisst als freudig begrüßt wird.

Das mittlerweile siebte Studioalbum der Schweizer, die sich selbst als Punkrocker bezeichnen – kein Mensch weiß warum – dümpelt leider bis auf einige Ausnahmen leise vor sich hin, wenn es auch ein paar Abwechslungen zu bieten hat. Musikalisch – mit Bläsern und jazzigen Gitarren - hört sich das Album auf weiten Strecken sehr improvisiert an, das zwar meisterlich, aber leider unterlegt mit einer Stimme, die meist nichts als gelangweilt klingt. Als würden hier ein paar Musiker ein eingespieltes Schema hinwerfen, was keinem mehr so richtig Spaß macht, aber was man nach 20 Jahren Bandgeschichte irgendwie auch einfach nicht aufhören mag. Oder nein, es ist anders: Es klingt als sei die Kreativität der Band ungebrochen, nur der Sänger hat nicht mehr richtig Bock auf das Ganze: „Hey Hallo Fantasie, schick mir irgendwie Spaß und Unterhaltung (...) Hey Hallo Abenteuer ich warte auf das Feuer...“ - Ja, ich auch... Die Hälfte der Tracks sorgt zwar nicht für schlechte Laune, hat man so oder so ähnlich aber auch schon tausend Mal gehört. 

Jedoch gibt es da auch ein paar Songs die nach oben herausstechen, besonders im späteren Verlauf der Platte: „Womunidure“ ist textlich zwar völlig unverständlich (DAS ist Schwyzerdeutsch?), macht aber verdammt Spaß, „Nähe herstellen“ ist feinste Chillmusik, auch sonst bemühen sich die Aeronauten um Abwechslung: „Ambiance Scandale“ besticht mit französischen Texten, gleich das nächste Lied, „Herz“, klingt nach wildem Westen. Mit „Schatten“ wollen die Aeronauten wohl ihre Punkrock-Attitüden demonstrieren, das hätten sie sich allerdings sparen können: Die Bezeichnung „unmotivierte Pflichterfüllung“ springt einem ins Gesicht!

Ich würde nicht unbedingt behaupten – so wie der Presstext – dass das hier extrem tanzbare Musik sei (es sei denn man ist Standardtänzer, da mag das schon mal gehen..), aber sie eignet sich hervorragend für den Hintergrund, teilweise auch zum genaueren Anhören (Den finanzweltkritischen Text aus „Maximum Future Investment“ zu Beispiel). Ob „Hintergrundmusik bei der man teilweise hinhören kann“ der Anspruch einer Band sein kann, die sich selbst als Punkrock bezeichnet, sei dahingestellt. Aber extrem viel mehr ist aus diesem Album leider nicht zu holen.

VÖ: 19.02.2010 Rookie Records

[Platten] Genepool - Lauf!, Lauf!

ImageSo richtig schlau werde ich nicht aus der neuen Genepool-Platte „Lauf!Lauf!“. Beim ersten Hören war ich eher ab-, beim zweiten extrem zugeneigt, jetzt nach einigen Malen bin ich eher – naja, unentschlossen. 
 
Auf der einen Seite überzeugen nette Arrangements, interessante melodische Einfälle, ein stetiger Wechsel aus Discoelementen und strammen Gitarren, manchmal wird es sogar ein bisschen punkig! Auf der anderen Seite geht es mir vor allem gesanglich ein wenig zu eintönig vonstatten, manchmal nerven zu offensiv eingesetzte sägende Gitarren, oft glaube ich schlicht eine Kopie von Electric Six zu hören - nur ohne den Humor. 

Jetzt die Krux: Nach dem Verfassen des ersten Abschnitts läuft die CD erneut und schon finde ich dass die Kritik zu negativ klingt. Denn eigentlich machen Genepool alles richtig: Es gibt kein Lied dass auf dem alternativen Dancefloor nicht funktionieren kann, treibende Rhythmen, der Fuß wippt mit, der Albentitel ist mit „Lauf!Lauf!“ verdammt gut gewählt. Selbst die ruhigeren Stücke machen mich nervös, in jedem Track diese positive Art von Nervosität, die in Bewegung umgesetzt werden will: „Lauf! Lauf! It’s a must. Two pumpguns beat in my heart. It’s not enough but it’s a start!” Das ist auf jeden Fall ein Start! 

Vielleicht muss man es genauso sehen: Genepool wollen mich nicht allein in meinem Zimmer bespaßen, während ich Tee trinke und Knäckebrot kaue. Genepool wollen die Tanzlust in mir, mich auf die Bühne zerren und mich von Stück zu Stück von Schweißtropfen zu Schweißtropfen weiter in die hüpfende Menschenmasse hetzen. Und das kriegen sie verteufelt gut hin (beste Beispiele „The Maggots“, „Lauflauf“ und vor allem das erstklassige „I shot myself“).

Wenn der Pressetext eine „Post-Milleniums-Antwort auf die Petshop-Boys“ verspricht, dann ist diese Band die beste Art, zu antworten. Wenn ich sage dass das hier an Electric Six erinnert, dann muss man festhalten dass es sich dabei um eine verdammt geile Gruppe handelt. Und wenn man schlussendlich einen Weg sucht, seinen musikalischen Genpool um einen Stil zu erweitern, dann ist es nicht die schlechteste Methode sich dieses Album zuzulegen.

Wer also Lust hat sich auszutoben sollte sich seine Freunde schnappen und zu einem der folgenden Konzerte fahren. Ich bin sicher dass es sich lohnen wird.

29.01.2010 – Köln, Blue Shell
13.03.2010 – Backnang, Juze
08.04.2010 – Hamburg, Molotow09.04.2010 – Hannover, Chez Heinz
10.04.2010 – Kiel, Pumpe
16.04.2010 – Chemnitz, Bunker
17.04.2010 – Berlin, Schokoladen
18.04.2010 – Ken FM Radiokonzert  
 


VÖ: 29.01.2010 auf Rookie Records

2010/12/17

[Platten] A La Malaka - Wüste Klänge

ImageDer zweite Release auf dem Marburg Label „quadratisch rekords“ kommt von einer Formation mit dem orientalisch anmutenden Namen „Al A Malaka“ (sprich: Al A Maleyka). Ein offensichtlich orientalischer Name. Schon der Blick ins Instrumentenverzeichnis lässt tief blicken: da stehen Klarinette, Schlagzeug und elektrischer Kontrabass, vereint mit Merkwürdigkeiten wie „Oud“ und „Baglama“. Auch Cello und Melodika spielen auf, von bretternden elektronischen Gitarren oder gar Vocals jedoch keine Spur. Da bin ich ja erst mal skeptisch!


Muss ich aber nicht.

Die im Titel implizierten „wüsten Klänge“ sind weniger wüst als befürchtet, vielmehr dafür konzipiert, den Hörer an die Wüste denken zu lassen - und an Beduinen und Kamele, an schöne arabische Augen die dir aus ihren Schleiern heraus Blicke zuwerfen, an muskulöse Männer die den ganzen Tag nix anderes zu tun haben als Schlangen zu beschwören und Schwerter zu schlucken. Al A Malaka wollen orientalisch klingen und verdammt noch mal, das tun sie auch. Es treffen sich hier offensichtlich 5 Musiker, die ihren Spaß an der Musik des Morgenlandes haben und ihre Instrumente nebenbei auch perfekt beherrschen. Besonders die Klarinette tut sich immer wieder hervor, aber auch die restlichen Instrumente harmonieren hervorragend miteinander. Ich schließe die Augen und bin im Orient: Das Konzept geht auf. Ich erlebe sternenklare Nächte unter Palmen in der Wüste, ich tanze mit oben angesprochenen verschleierten Frauen um ein Feuer und ich schlucke 40 Minuten lang eifrig ein Schwert nach dem andren. Songs wie „Yavas, Yavas“ klingen für mich als sei ich Gast auf einer türkischen Hochzeit, „Malariafliege“ könnte einen arbeitsamen Tag unter praller Sonne umschreiben. Inklusive Mittagspause.

Nebenbei entdecke ich bei genauem Hinhören doch einige Funken Modernität. Die ein oder andere Baglama könnte so oder so ähnlich auch in abendländischen Poprocknummer gezupft werden, und gerade das Schlagzeug verleiht dem Ganzen häufig einen Touch heutiger Zeit und hiesiger Lokalität. Ab und an wird’s ein bisschen unangenehm, etwa wenn Klarinette und Schlagzeug  in „Camel Trouble“ leicht dysharmonieren – aber dies sind nur Momente und passen augenscheinlich ins Selbstverständnis des beherbergenden Labels. Ob man das gut oder schlecht finden soll, darüber lässt sich streiten. Vielleicht kann man der Gruppe außerdem vorwerfen, das sich nach einer Weile eine gewisse Monotonie einstellt. Es wird  zwar versucht das zu umgehen (z.B. in „Was Frisöre können, können nur Frisöre“), doch ist das dank der Instrumentenwahl nicht ganz einfach. So beherrscht vor allem besagte Klarinette das Geschehen – zwar abwechslungsreich – doch man muss sich schon ein bisschen reinhören, um sich nicht bei Song 8 an Lied Nummer 3 zu erinnern. Doch auch das klappt nach einer Weile.

Natürlich muss zum Schluss folgendes angemerkt sein: hier handelt es sich nicht um Partymusik à la Panjabi MC, es geht hier fast durchweg ruhig und atmosphärisch zu (auch wenn beim Basslauf in „Zavalli Cavalli“ schon fast Rock’N’Roll Feeling aufkommt) So eignet sich das Ganze wohl eher entweder für Liebhaber oder Kenner (orientalischer) Musik oder für Freunde der gepflegten, anspruchsvollen Hintergrundentspannung. Ich würde mich nicht unbedingt als ersteres bezeichnen, aber für zweiteres liefern mir Al A Malaka mit „Wüste Klänge“ willkommenen Stoff.

VÖ: 01.10.2009 quadratisch rekords www.myspace.com/alamalaka

[Platten] Stoer - Filet

ImageSchon die ersten paar Sekunden von „Filet“ zeigen, worauf Stør mit diesem Album hinauswollen: Sie wollen es dem Hörer nicht immer ganz einfach machen; ihn im Wortsinne (ver)stören, was Ihnen teilweise auch wirklich gelingt. Gut - jemanden zu verstören, das ist jetzt generell nicht schwierig. Schwieriger ist es, dem Hörer nebenbei auch etwas zu bieten, was er gerne mag, und ja, genau dieses ist auf der Scheibe eben auch geboten: Stør schaffen die Vereinigung aus hässlichem Speise- und kunterbuntem Regenbogenfisch.

Die Band selbst bezeichnet ihre Musik als „lieblichen Terrorjazz“. Meine Mitbewohnerin fasste dies nach dem ersten Track so zusammen: „Ja, es ist Jazz. Aber er ist nicht ganz normal. Aber er ist schön.“ Die Band, ein Gemeinschaftsprojekt aus 5 musikophilen Studenten aus Marburg, zeigt nicht nur Spielfreude und Talent. Sie weiß es auch, den Hörer mit eingängigen Klängen zu ködern, ihn aber nicht einzulullen, sondern ihn im richtigen Moment wieder – eine willkommene Störung – durch etwas unerwartetes wieder ins Boot zu holen. Überhaupt ist viel Abwechslung geboten : die klassischen Jazzinstrumente kommen  fast durchweg zum Einsatz – und spielen sich von Lied zu Lied abwechselnd deutlich in den Vordergrund – aber auch der ein oder andere Spritzer Elektronik fehlt nicht, selbst ein beinahe metallig-anmutendes E-Gitarrensolo hat seinen Platz („Karl vom AKW“).

Die Grundlage bildet jedoch immer der Jazz. Manchmal klingt er fast – in den schwächeren Momenten der Platte - ein bisschen loungig, manchmal klingt er eiskalt improvisiert. Manchmal verkommen die Stücke zwischenzeitlich leider zum hintergründigen Ambiente, was vielleicht dem einzig größeren Kritikpunkt der Geschichte wird: Es handelt sich, vielleicht nicht jazzunüblich, aber doch etwas schade, um eine reine Instrumentalplatte. Die Band will die Musik für sich sprechen lassen, was ein edles und dank der hohen Qualität auch nicht unangebrachtes Anliegen ist, trotzdem würde die ein oder andere Stimme, an der richtigen Stelle eingesetzt, dem Ganzen etwas noch markanteres verleihen.

Stør jedoch bleiben beim Instrumentalen, und es sei ihnen vergönnt. Ihre Klang-Einfälle sind kreativ und abwechslungsreich – wenn auch zuweilen etwas zu konzentriert störend (zum Beispiel in „Electronic E.V.E.“)- und so kommen durchaus geniale Momente zustande: die Gegenüberstellung von Trompete und E-Gitarre in „der Gammelfisch Skandal“ beispielweise, oder der mit dem richtigen Maß an Epik vorgetragene Schlusstrack „der Fahnder“ gehen verdammt ins Ohr, oder auch wie „Pudelstudio Petra“ in Genick und Fußwippmuskel. Die Namensgebung der Tracks ist übrigens gar nicht mal so absurd: Wen das tragikomische Stück „der Regenwurm“ nicht an eben diesen denken lässt, und wer bei „Seltsam Schlaflos“ nicht das Gefühl hat mit einem merkwürdigen Grinsen durch eine ebenso merkwürdige Traumwelt zu spazieren, der sollte vielleicht mal in sein benachbartes Pudelstudio gehen, wo – natürlich – Klavier gespielt wird.

Vielleicht ist es ungeschickt den Erstling „Filet“ zu nennen, ist das Filetstück ja eigentlich das Beste was beim Fisch geboten werden kann. Trotzdem planen Stør – in veränderter Besetzung – weiterhin aufzunehmen und weitere Alben zu veröffentlichen. Ob sie noch besser werden, da darf man gespannt sein. Vielleicht gibt’s das nächste Mal einfach einen Teller Kaviar, der kommt ja bekanntlich auch vom Stör.

VÖ: 27.11.2008 quadratisch rekords

www.myspace.com/stoere

[Platten] Super 700 - Lovebites

ImageWer sind Super 700? Glaubt man einer Gruppenbezeichnung in der größten deutschen Onlinecommunity, handelt es sich bei Super 700 um „Berlins Rockelektroindiesuperband“. Laut Wikipedia lassen sich der Band auch noch Einflüsse aus Trip Hop, Jazz und Synthie Pop andichten.

Und das alles ist nicht ganz verkehrt. 
Zunächst mal sind Super 700 Berliner, zumindest haben sie sich dort gefunden. Die Sängerin Ibadet Ramadani und deren 2 Schwestern – in der Band als Backgroundsängerinnen am Werk - stammen ursprünglich vom Balkan, was man dem ein oder anderen Song durchaus anzuhören vermag. Abgerundet, unterlegt und vervollkommnet werden die drei Schwestern von vier jungen Berliner Jungs an Gitarre, Bass, Trommel und Keyboard, was dann die anderen erwähnten musikalischen Eigenschaften ausmacht. Einerseits recht Indie, sicherlich viel Pop, vielleicht ein bisschen Jazz, irgendwie aber herzlich undefinierbar. Und das ist schön.

Ich stolperte vor einigen Jahren um 7 Empfehlungsecken über das erste, selbstbetitelte Album, welches ich heute schlicht und ergreifend als einen Meilenstein der Musikgeschichte bezeichnen würde, zumindest meiner persönlichen. Umso gespannter war ich auf die neue Scheibe, betitelt „Lovebites“, und im Folgenden besprochen.

Der Einstiegstrack „Tango“ ist schon länger bekannt, da schon vor Monaten als Vorgeschmackdownload erhältlich. Er versprach ein lauteres Album als den Vorgänger – kein klassisch-langweiliger Tanz auf argentinischem Parkett. Im geneigten Zuhörer allerdings löst dieser Tango, dank nicht zu knappen Gitarrengebrauchs, durchaus Herumhüpfgefühle aus. Doch schon nach einigen Sekunden wird es ruhiger – man setzt sich und fängt an zu schwelgen-  und die unglaubliche Stimme der Ibadet Ramadani erklingt. Und stellt ihre Unglaublichkeit bis zum Ende der Platte auch nicht mehr ein. Diese Stimme hat etwas magisches, und hat so einiges drauf: Leidend klingen, aggressiv, schüchtern, traurig, fordernd, sanft, doch vor allem hängt ihr etwas unverkennbar mystisches, etwas esoterisches an. Ob das auf die Herkunft ihrer Besitzerin zurückzuführen ist kann ich nicht sagen, doch offensichtlich legen es Super 700 häufiger darauf an, genau dies aus ihr herauszuholen: Lieder beginnen mit Meeresrauschen, lange, düster-tiefe Klänge unterlegen bisweilen beunruhigende und phantastische Hintergrundgesänge. Es werden Zwischenstücke eingeschoben, die auf den ersten Blick wenig Sinn machen - außer um eben diese teils düstere, teils verträumte Stimmung zu erzeugen und Aufrecht zu erhalten. Songs wie „Rosebud“ starten mit einer Gitarre, die einen geisttreibenlasserischen Nachmittag auf einer Blumenwiese andeuten könnte, deren Klänge aber, dank vor allem der Stimme Ramadanis, schnell ins Beklemmende und Ungewisse abdriften. Als würden Wolken aufziehen, oder merkwürdige Kreaturen um die Wiese herumstreifen.

Demgegenüber stehen Synthieklänge die klarer nicht klingen könnten: „We will never drown“ und „Fortuneteller“ – die vielleicht coolsten Stücke des Albums - leben von bizarren, aber überaus eingängigen Melodien, die nicht gerade von den allerklassischsten aller Musikinstrumente produziert wurden.

Super 700 machen, dank Instrumentenvielfalt und abwechslungsreichen Gesangs der Frontfrau, angenehm vielfältige Musik, die sie auch kompositionstechnisch in keinen geläufigen Vers/Refrain-Rahmen drängeln wollen. Dabei herum kommen Songs, die immer interessant, meistens sehr eingängig, selten nur etwas unangenehm sind. Und selbst bei letztgenannten bekommt man das Gefühl, als sei es fast beabsichtigt. Gerade wenn Ramadani einen etwas aggressiveren Ton anschlägt, wird es zwar hier und da etwas disharmonisch -  ein Schreiausbruch am Ende des Titeltracks „Lovebites“ etwa wirkt grandios fehlplatziert. Oder auch „Second in Line“, getragen von schnellem, etwas nöligem Gesang lässt mich ein bisschen die Augen zusammenkneifen. Es ist unangenehm – aber es klingt gewollt.
Bis auf diese kleine Schwäche jedoch ist Super 700 ein fast noch besseres Album gelungen als vor drei Jahren. Erfindungs-, abwechslungs- und auch in hohem Maße talentreich tragen mich Super 700 durch die 13 Songs, und wie schon beim Vorhänger mache ich die Erfahrung, dass man sich - nur anhand ihrer Stimme – sehr gerne in diese Sängerin verlieben würde...

 VÖ: 27.02.2009 Motor Music
http://www.super700.de/

2010/12/15

[Konzerte] Turbostaat - 08.05.2010 - Support: Frau Potz - MuK/Gießen

Wenn ich sage "Turbostaat waren in Gießen und es war geil", dann möchte ich das hauptsächlich mit drei Argumenten begründen.

Image 1. Die Vorband "Frau Potz" - musikalisch nah an Turbostaat, gesanglich irgendwo bei Billy Talent - erlitt zwar das typische Vorbandschicksal und erntete fast nur nickende Köpfe, hätte aber mehr verdient und war überraschend gut. Geil Nummer 1. (Foto unten!)

2. Das erste Bild auf dieser Seite zeigt Sänger Jan Windmeier zu Beginn des Konzerts, das zweite Foto zeigt ihn gegen Ende. Das zweite Foto musste ich mir von einer anderen Besucherin erschnorren (Dank an Tine!), da ich meine Kamera längst in Sicherheit gebracht hatte, um mich ins Getümmel zu schmeißen. Turbostaat haben mir verdammte Laune auf Tanzen und Rumschubsen bereitet, und der Rest des MUKs sah das genauso. Die Stimmung war bombig, es war gerappelt voll, und alle - einschließlich Windmeier - schwitzten wie die Hunde. Geil Nummer 2.

Image 3. Kurz vor der ersten Zugabe gab es den Song "Harm Rochel", und ab der ersten Zeile war es das Publikum, welches der Band den Text um die Ohren schrie. Wer nah genug dran stand konnte währenddessen ein ungläubiges "Alter" aus dem Munde des Sängers hören, abseits des Mikrofons. Wahrscheinlich ist man es im Hause Turbostaat noch nicht gewohnt, südlich von Hannover so begeistert empfangen zu werden, und so geriet das Konzert im MUK offensichtlich auch für die Band zu einem Erlebnis. Geil Nummer 3.

Wer am Samstag nicht anwesend sein konnte, soll gefälligst zusehen, Turbostaat bei einem der folgenden Konzerte zu erwischen. Wenn das dieses Jahr nicht mehr klappt: Nach diesem Abend mit diesem Publikum mit dieser Freude in den Augen Windmeiers bin ich sicher, dass sie Gießen nochmal beehren werden.

[Konzerte] Jupiter Jones - 11.12.2009 - Support: Sonah - KFZ/Marburg

„Du brauchst die schnellsten Beine der ganzen Welt um hier lebend rauszukommen!“ – Es war durchaus nicht nötig, dem KFZ in Marburg zu entfliehen, auch wenn Jupiter Jones’ Vorband Sonah (die übrigens sehr ordentlich rockten, empfehlenswert!) das propagierten.
 
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Ich gebe zu, dass der Name Jupiter Jones mir bisher höchstens dank der 3 Fragezeichen ein Begriff war, ich gebe außerdem zu, dass ich nie besonders großer Fan dieser Geschichten war, ich gebe zu, dass ich mit Vorbehalten auf dieses Konzert ging.

Jupiter Jones als Band aus dem Saarland gingen bisher ziemlich an mir vorbei – erstens zu Unrecht, zweitens merkwürdigerweise: Das KFZ war gerappelt voll mit Fans und wenn man die mal fragte, so schienen Jupiter Jones etwas ganz Besonderes zu sein.

Ich ließ mich also darauf ein und war erfreut: dank Myspace hatte ich eher seichte Kettcar-Unterhaltung erwartet, wurde aber durch doch die ein oder andere fette Gitarre zum Mitwippen bewogen, durch eine coole Soundidee hier und dort zu Anerkennung gezwungen und besonders dank eines Umstandes schlussendlich ebenfalls Fan: Textlich und gesanglich erinnern Jupiter Jones mit Sänger Nicholas Müller in der Tat an nördliche Deutschpoprockgefilde, aber um eine ordentliche Spur rotziger und energischer, weniger klinisch rein, einen angenehmen Tick dreckiger. Nun sind Texte auf Livekonzerten ja eher zweitrangig, Jupiter Jones hätten musikalisch auch ordentlich Feuer für unter den Hintern zu bieten gehabt – leider war das Marburger Publikum nicht extrem beweglich: zwar lautstark, aber eher auf’s Mitwippen und von-links-nach-rechts-Tänzeln beschränkt. Schade!

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Wett machte das ein sympathischer und lustiger Frontmann („die Männer werden sagen: Scheiße, 13 Euro Eintritt und keine Jana Pallaske") der für gute und freundschaftliche (wenn auch nicht für die Allerausgelassenste) Stimmung sorgte, sowie offensichtlich Sprünge durch die musikalische Geschichte der Band, die sich nicht zu schade waren auch ganz altes Material für den Hardcorefan auszugraben.