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2011/09/02

[Platten] Talking To Turtles -Oh, The Good Life

Bei einem Blick auf das Cover von Talking To Turtles‘ aktuellem Album „Oh, The Good Life“ könnte man glatt auf die Idee kommen, dass hier eine weitere Band aus dünn besiedelten amerikanischen Staaten einer in der Waldhütte aufgenommenen Folk-Platte, die den perfekten Soundtrack für den Herbst bieten könnte, den Weg in die Plattenregale gebahnt hat. Mit diesen ersten Annahmen liegt man nur teilweise ziemlich daneben.

Die aus Claudia Göhler und Florian Sievers bestehende Band kommt nämlich zwar aus Berlin, hat aber nach dem Erfolg ihres Debüts „Monologue“ für den Zweitling auf illustre Beihilfe zugreifen können. Ein wenig Namedropping gefällig? Aufgenommen wurde „Oh, The Good Life“ zum Teil in den Avast!-Studios in den Seattle, in denen schon Bands von Soundgarden bis The Shins ihre Platten einspielten, gemischt wurde das Ganze von Eric Corson, dem Bassist der Long Winters, und das Mastering erfolgte durch Doug Van Sloun in Omaha im Staate Nebraska  wo der findige Indie-Kenner natürlich den Dunstkreis des Saddle Creek-Labels (Bright Eyes, Cursive, etc) erschnuppert.

2011/04/14

[Platten] Cargo City - Dance/Sleep

Erfahrungsgemäß findet der größte Stilsprung im Schaffen einer Band zwischen dem ersten und zweiten Album statt. Idealerweise hat man mit dem Debüt, oft roh und wie direkt von der Leber runter geschrieben, den Durchbruch geschafft und versucht sich bei der zweiten Scheibe an dickerer Produktion, ausgefeilterem Songwriting und überhaupt will man der Welt mit sämtlichen zur Verfügung stehenden Mitteln beweisen, dass der erste Erfolg kein reiner Glücksgriff war. Bei Cargo City hat dieser Schritt allerdings ohrenscheinlich zwischen dem Zweitling und Drittling stattgefunden.

Man könnte natürlich die Vermutung anstellen, dass das daran liegt, dass Cargo City zu Beginn ein reines Soloprojekt von Simon Konrad waren und die vier Musiker, die er sich live zur Unterstützung dazu holte, erst nach dem ersten Album fester Bestandteil der Band wurden. Mit der zweiten Scheibe „On.Off.On.Off.“ folgte dann die Beachtung durch eine breitere Masse und die Beteiligung am Soundtrack zu einem deutschen Kinofilm. Das darauffolgende  Album würde also mehr oder weniger zur Bewährungsprobe vor einem gespannten Publikum werden. 

Bei „Dance/Sleep“ braucht man allerdings mehrere Hördurchgänge, bis man so wirklich weiß, was man davon halten soll. Es war zu erwarten, dass Cargo City die Singer-Songwriter-Anfänge, zumal eben nun in Bandkonstellation, irgendwann hinter sich lassen würden und sich unter den Augen und Ohren einer größeren Zuhörerschaft auch einem größeren Sound zuwenden würden. Umso, nun ja, verstörender ist es dann, dass der erste und titelgebende Track auf dem Album sich nicht sofort mit einer eingängigen Pop-Melodie anbiedert, sondern mit eher düsteren Tönen beginnt – die bedrohliche Stimmung entlädt sich dann aber in einem dann doch sehr poppigen Refrain, bei dem man ohne schlechtes Gewissen an Snow Patrol und ähnliche Größen erinnert werden darf. Das darauffolgende „Not Like Us“ ist komplett von einer melancholischen Grundstimmung getragen, welche gegen Ende des Liedes in einer wunderschönen, knapp einminütigen Instrumentalbrücke (inklusive Orgel und Streichern) kulminiert. Der dritte Track mit dem großartigen Titel „Let’s Fail In Love“ verweigert sich dann wieder einer weichen Eingängigkeit und kommt lieber mit einem zweistimmig ausgetragenen Duell um das große Thema mit dem großen L daher.
Auch „The Choir“ stellt eher eine ungünstige Begleitung für einen fröhlichen Sommerabend dar und wenn man nun so langsam denkt, dass „Dance/Sleep“ lieber am Anfang eines düsteren, kalten Herbstes hätte veröffentlicht werden sollen, schlägt das verspielte „Julian“ der bislang vorherrschenden Melancholie kurz ein Schnippchen, um bei „Walk Over The Alps“ wieder auf das Rezept „düsterer Anfang, hoffnungsvoller Refrain“ zurückzugreifen. Mit „Smile At Me“ und „The Tale Of The Careless Man“ werden dann Tempo und Lautstärke runtergeschraubt, um mit „All That You Need“ einen Titel rauszuhauen, der es irgendwie schafft, sich einer besonders eingängigen Melodie zu verweigern und trotzdem astrein tanzbar zu sein. Mit dem letzten, Weltuntergangstimmung erzeugenden „Life In Reverse“ wird wieder der Albumtitel aufgegriffen – während man im ersten Lied allerdings noch „I lay back to watch her dance while I sleep“ sang, bekommt man hier unter anderem „You only sleep with the bible in your right hand, you only dance with the bottle in your left hand“ vor den Latz geknallt – nicht unbedingt die Zeilen, die Optimismus suggerieren.

Sucht man nun nach musikalischen Kleidungsstücken, mit denen man „Dance/Sleep“ zusammen in eine Schublade legen kann, muss man wohl vor allem an Conor Obersts Bright Eyes denken – sowohl in gutem wie in schlechtem Sinne. Positiv fällt einem der Ideenreichtum und die musikalische Vielfalt auf, der diese Platte trägt, neutral kann man einen eher schwermütigen Ton feststellen, der sich durch das ganze Album zieht. Schade ist allerdings, dass sich Konrad, der sonst immer eine sehr angenehme Singstimme hatte, auf „Dance/Sleep“ nur allzu oft in den Oberst’schen gepressten Nölmodus verfällt, was bei manchen Liedern zwar sehr passend ist, aber über weitere Strecken doch sehr auf die Nerven fallen kann (vor allem, wenn man diese Art zu singen prinzipiell nicht ausstehen kann).

Geht man nun auf die anfangs erwähnten Unterschiede zwischen ersten und zweiten Alben einer Band ein, kann man feststellen, dass sich hier so einige Phänomene wiederfinden. Gegenüber den ersten beiden Alben haben sich Cargo City deutlich weiterentwickelt, haben stark am Sound gefeilt und sich musikalisch viel mehr ausgetobt – leider muss man aber sagen, dass die dazugekommenen Raffinessen teilweise das Herzblut überschatten, welches man in den früheren Alben viel deutlicher heraushören konnte. Nichtsdestotrotz ist „Dance/Sleep“ ein solides Album-Album geworden, aus welchem kaum einzelne Stücke herausstechen, sondern das in seiner Gesamtheit wirken muss. Es bleibt abzuwarten, wie die angefixte Öffentlichkeit auf den Stilbruch reagieren mag.

7/10

VÖ: 15.04.2011 über Rebecca&Nathan/Intergroove

Und statt ein Video zu posten, welches man an dieser Stelle trotzdem genießen kann, gibt es hier den Link, unter dem ihr den Titelsong "Dance/Sleep" kostenlos runterladen könnt!

2011/04/03

[Neuigkeiten] April im Bett

Der Frühling kommt dieses Jahr mal wieder spät, aber verheißungsvoll mit sommerlichen Temperaturen daher. Da es nachts aber immer noch gehörig abkühlt, ist zumindest das Wetter keine Ausrede, um die Abende nicht damit zu verbringen, sich mit anderen Menschen in mehr oder weniger kompakte Örtlichkeiten zu zwängen und guter Livemusik zu lauschen. Und unser aller Lieblingsladen, der nach einem Möbelstück benannt ist, hat im kommenden Monat ein volles Programm zu bieten.

Unter dem breiten Angebot von Veranstaltungen, die Das Bett berherbergen wird, möchte euch Benzol die folgenden besonders ans Herz legen. Zum Beispiel ist bereits morgen, am 4.04., das australische Duo An Horse zu Gast, die unter anderem auch Tegan And Sara zu ihren Fans zählen können. Am 12.April serviert John Grant astreinen Folk, für den er bei den Aufnahmen zu seinem letzten Album prominente Unterstützung von Midlake erhalten hat. Die vier jungen Hüpfer von beat! beat! beat! bringen am 19.04. dann das Publikum zum Hüpfen, während Chris Corner, ehemaliger Frontmann der Sneaker Pimps, mit seiner aktuellen Combo IAMX und Synthieklängen am 21.April das Rhein-Main-Gebiet beehren wird. Und am 25.04. schließlich werden Escapado mit Screamo, Hardcore, oder wie auch immer man ihre Musik schubladisieren mag, zum Mitschreien und Mitschwitzen animieren.

Wer die weiteren Facetten des Aprilprogramms begutachten möchte (denn wo das oben herkommt, ist noch so einiges mehr), schaut erst vorbei unter www.bett-club.de und danach hoffentlich in der Schmidtstraße!


 John Grant (feat. Midlake) - I Wanna Go To Marz

IAMX - Ghosts Of Utopia

2011/03/24

[Platten] Peter Bjorn and John – Gimme Some

Bei Peter Bjorn and John bin ich in die typische Falle getappt, die einem jene Bands stellen, die einen Superhit landen: dieser wird über alle Maßen totgespielt, man selbst hat ziemlich schnell die Schnauze voll von dem Lied, schlussendlich auch von der ganzen Band und überhaupt kein Interesse daran, sich damit auseinanderzusetzen, was deren Repertoire sonst noch zu bieten hat. Beim Anhören der neuen (und schon sechsten!) Langspielplatte „Gimme Some“ der Schweden kommt mir zum ersten Mal der Gedanke, dass ich da eventuell ganz schön was versäumt haben könnte.

Ebenjener Superhit „Young Folks“ ist nach Aussage der Plattenfirma der, nach „Wind Of Change“  und einer Alternativversion der Titelmelodie von Magnum, dritterfolgreichste Song aller Zeiten welcher Gepfeife enthält . Bei solchen Referenzen drängt sich natürlich der Gedanke auf, dass man sich stilistisch in den musikalischen Gefilden der zu Unrecht oft verschmähten 80er bewegen möchte. Tatsächlich allerdings startet Gimme Some" mit einigen sauberen Indie-Tracks. Der Opener „Tomorrow Has To Wait“ führt einen sanft mit orchestralem Sound ein, um gleich darauf mit den sparsamen und dennoch knackigen Gitarrenläufen von „Dig A Little Deeper“, begleitet von zum Mitsingen verführendem „Oh oh“ - Chor im Hintergrund, zum ekstatischen Ausdruckstanz einzuladen. So geht es dann einige Tracks weiter und man hat das Gefühl, als hätten Peter, Björn und John sich einmal bei sämtlichen erfolgreichen Indierockbands der letzten Jahre umgesehen und gedacht „Das können wir auch – und besser!“, ohne jedoch genau den Finger darauf legen zu können, an was und wen einen denn nun dieser oder jener Track erinnert. Bei „May Seem Macabre“ kommt dann schließlich der (zumindest von mir) so heiß antizipierte 80er-Sound – Schlagzeug und Gitarren könnte man so problemlos bei jeder besseren New Wave-Band wiederfinden, jedoch ohne den dort oft anzutreffenden unterkühlten Sound, sondern sich hinwendend zur großen, hymnischen Pop-Geste.  Dier Textzeile „May seem macabre, but it’s beautiful“ finde ich an dieser Stelle nur allzu passend und möchte mich sofort in ein Cabrio setzen, um in einer weiten Landschaft dem Sonnenuntergang entgegen zu rasen – der sehr abrupte Schluss holt mich dann ein wenig zu hart in die Realität zurück.

Zu schnell stelle ich fest, dass „May Seem Macabre“ nicht nur den Mittel-, sondern auch des Höhepunktes des Albums markiert und muss aufpassen, dass ich die nachfolgenden Tracks dadurch nicht zu sehr abwerte. Schließlich hat auch „Don’t Let Them Cool Off“  (der Name ist Programm!) mit seinem postpunkigem Mittelteil so einiges zu bieten und ist trotz der Tatsache, dass die Lyrics etwa im letzten Drittel des Liedes nur noch aus der Wiederholung der Titelzeile bestehen, kein Stückchen monoton. Zum Ende des Albums hin werden dann noch eventuelle Gelüste nach Schweden-Rock’N’Roll bedient (ganz egal ob man dabei nun Mando Diao oder die Hellacopters im Hinterkopf hat) um mit „I Know You Don’t Love Me“ mit einem typischen letzten Albumtrack (lang, ruhig beginnend und druckvoll endend) abzuschließen.

Und dann sitzt man da, denkt an die ganzen Hooklines, die einem in den letzten 37 Minuten um die Ohren geballert wurde, stellt fest, dass man kein Lied auf dieser Platte richtig langweilig fand und fragt sich: Können die das schon immer? Ich jedenfalls fühle mich eines besseren belehrt, was augenscheinliche One-Hit-Wonder angeht, und werde nun erst mal in die Vorgängeralben rein hören, in der Hoffnung auf die ganz große Offenbarung. 

(Ich verweise an dieser Stelle außerdem nochmals explizit auf die Bandinfo auf der Seite ihres Plattenlabels – haarsträubender Unsinn und Größenwahn! Großartig.)

8/10


VÖ: 25.03.2010 über Cooking Vinyl

2010/12/18

[Interviews] Kevin Devine

Im Vorfeld seines Konzerts in Gießen am 16. Dezember erklärte sich Kevin Devine kurzfristig zu einem Interview bereit. Die mehr oder weniger spontan zusammengeklaubten Fragen und das enthüllende Resultat könnt ihr nun hier genießen!!

[Platten] The Posies - Blood/Candy

ImageAngesichts der Unmengen von musikalischen Hypes, die einem von einschlägigen musikorientierten Medien immer mal wieder um die Ohren gehauen werden, ist man für jede Band dankbar, die sich schnelllebigen Trends verweigert und einfach nur ihr eigenes Ding durchzieht. Vor allem, wenn diese sich schon mehr als zwei Dekaden im Musikbusiness tummelt - wie The Posies.
 
Die 90er Powerpop-Legende ist nämlich auch im nunmehr 23. Jahr ihres Bestehens der Musikmacherei nicht müde und hat, nachdem sich die Mitglieder seit ihrem letzten Album 2005 mit anderen Projekten vergnügten, inzwischen ihr sechstes Album "Blood/Candy" veröffentlicht. Einerseits entgeht dem geschulten Ohr dabei natürlich nicht, dass es sich hier um alte Hasen handelt - andererseits hätte man auch nicht erwartet, mit so einem bunten Potpourri an verschiedenen Stilen konfrontiert zu werden. Stichwort alte Hasen-ein solcher ist auch der Gaststar, der sich beim ersten, rotzigen Track "Plastic Paperbacks" die Ehre gibt, nämlich kein geringerer als Hugh Cornwell, welcher den meisten vor allem als langjähriger Sänger der Stranglers ein Begriff sein dürfte. Auch beim darauffolgenden, wunderbar sehnsüchtigen "The Glitter Prize", der das erste (und für mich DAS) Highlight des Albums darstellt, holt sich die Band Verstärkung, allerdings von der wahrscheinlich weniger prominenten Kay Hanley. Beim dritten Titel "Licenses To Hide", der mit mitunter Bob Dylan-eskem Gesang sowie einem schmissigen Refrain daherkommt, gibt es dann schließich Unterstützung von Lisa Lobsinger, ihres Zeichens aktuelle Toursängerin für Broken Social Scene.

Aber genug des Namedroppings, sowohl in dieser Rezension als auch auf dem Album selbst, welches die Posies von nun an selbst bestreiten und sich auf ihre Stärken - Powerpop a.k.a. klassischem Indie-Rockpop besinnen und dabei an Genrepartner wie Teenage Fanclub, die Go-Betweens und Nada Surf erinnern. Nach zwei zwar mitreißenden, aber nicht sonderlich auffälligen weil eher konventionellen Songs lässt "Cleopatra Street" mit einer angenehmen Rhythmusorientiertheit wieder aufhorchen und sorgt dafür, dass man den ganzen Tag Textzeilen vor sich hinsummen muss, bevor mit "For The Ashes" der musikalische Pulsschlag etwas runtergeschraubt wird. Bei "Accidental Architecture" muss man dann wieder zweimal hinhören, denn am Anfang hat man eher das Gefühl, man würde den Beatles lauschen, bevor einen die Band mit ständigen Brüchen im Song komplett verwirrt und schließlich mit einer epischen Schlusssequenz entlässt. Doch keine Atempause; denn zwei Lieder später folgt das irgendwie düstere, irgendwie sehr an die alternativen 90er gemahnende und von konstantem Klatschen begleitete "Notion 99", bevor nach dem leichtfüßigen "Holiday Hours" und dem wieder irgendwie unspektakulär beginnenden - und dann trotz seiner Kürze wieder in epische Formen der Marke Fab Four ausartende - Song mit dem ungewöhnlichen Titel "Enewetak" endlich Gelegenheit zum Ausatmen gegeben wird.

Man merkt also, es ist schwer, dieses Album in irgendeiner zusammenfassenden Weise zu besprechen, da die meisten Lieder den Hörer auf ihre eigene Besonderheit hinzuweisen wollen scheinen. Doch auch wenn man die Vorzüge homogener, in sich stimmigerer Alben zu schätzen weiß (oder vielleicht gerade dann?), kann man sich an dieser bunt zusammengewürfelten
Mischung von unglaublich großartigen Songs erquicken, welche einen auch nach mehreren Hördurchgängen nicht vollkommen gesättigt zurücklassen kann. Deswegen schnell hier noch Lobpreis und Konfetti für die Posies, die nach so langer Zeit immer noch dermaßen umhauen und überzeugen kann, und dann Schluss mit diesem Text und: Repeat!

http://theposies.net

http://www.myspace.com/theposies

VÖ: 1.10.2010 auf Ryko/ADA-Warner

[Platten] Tina Dico - Welcome Back Color

ImageIn ihrem Heimatland ist die Dänin Tina Dico seit Jahren ein mit Preisen überhäufter Superstar. Doch trotz zahlreicher Kollaborationen mit namhaften Künstlern und das Verwenden ihrer Songs in bekannten Fernsehserien wuchs ihr Bekanntheitsgrad nur geringfügig über die Grenzen des kleinen Landes hinaus. Vielleicht wird sich das ja mit ihrer neuen Platte ändern.

Wobei bei "Welcome Back Colour" der Begriff "neu" nur teilweise zutrifft. Es ist eine Art Best-Of-Compilation, auf der neben den bekanntesten und erfolgreichsten Tracks aus Dicos neunjährigem Schaffen auch einige neue sowie bisher nur auf Soundtracks veröffentlichte vorgestellt werden. Im Gegensatz zu so manch anderer Greatest Hits-Zusammenstellung aber überrascht dieses Album mit Homogenität. Nachdem am Beginn der Titeltrack einen mit dynamischem Schwung in das Hörerlebnis geworfen hat, ist man dann auch im Folgenden von irgendwie bekannt anmutenden und sich sanft in die Gehörgänge einschmeichelnden Melodien gefangen genommen.
 
Dicos Handschrift zu beschreiben fällt trotzdem nicht so einfach, wohl auch, da sich, im Gegensatz zu so manch anderen Künstlern, direkte Vergleiche mit anderen Musikschaffenden nicht direkt aufdrängen. Auf der Suche nach passenden Adjektiven kommen einem dann auch vor allem Worte wie "reif" und eigenständig in den Sinn. Dass hier jemand seinen eigenen Stil gefunden hat, fällt auch durch die bereits erwähnte Harmonie zwischen den Tracks auf-man mag gar nicht glauben, dass diese über fast eine Dekade entstanden sind. Sie treffen sich alle in der Mitte zwischen Dicos kühler Stimme, der sorgfältigen, manchmal schon sparsamen, Instrumentierung und den warmen Harmonien und simplen aber dennoch ansprechenden Texten. Im Gegensatz zu manch anderen Sängerinnen, die ihre Bekanntheit den Verantwortlichen für die klangliche Untermalung der Serie "Grey's Anatomy" zu verdanken haben, bekommt man bei Dico keine Sekunde das Gefühl, es hier mit einer einfallslosen Eintagsfliege zu tun zu haben. Vor allem live muss diese Künstlerin eine Wucht sein (dafür spricht unter anderem, dass sie sich ihren Ruhm größtenteils durch exzessives Touren mit vielerorts ausverkauften Venues erarbeitet hat).

Zusätzlich zu der quasi Best-Of plus neuen Tracks wird einem außerdem auch noch eine zweite CD serviert, auf der weitere Stücke von Tina Dico in neuem Gewand, sprich, oftmals rein akustisch, vorgestellt werden. Prominente Unterstützung erhält sie hierbei von Teitur und Helgi Jonsson und hier kommen einem dann doch Vergleiche mit z.b. Regina Spektor in den Sinn. Eine wunderbare Ergänzung zu den anderen Tracks und hier zeigt sich einmal wieder, dass man wahre musikalische Perlen daran erkennt, dass sie immer noch (oder ganz besonders) glänzen, wenn man sie auf das Wesentliche reduziert. Jede dieser CDs und beide zusammen sowieso zeichnen das Bild einer großartigen Sängerin und Songschreiberin, die hoffentlich auf den ganz großen Durchbruch hierzulande nicht mehr lange warten muss.

VÖ: 24.09.2010 auf Finest Gramophone/Indigo

[Platten] The Bewitched Hands On The Top Of Our Heads - Hard To Cry EP

ImageDenkt man in Bezug auf Musik an Frankreich, so fallen einem sicher Bands wie Phoenix und Air, Chansonsängerinnen à la Vanessa Paradis und Carla Bruni und vielleicht noch Manu Chao ein. Dass Frankreich nochmal ganz hervorragenden Indiepop hervorbringen könnte, den man beim ersten Hören geographisch komplett woanders verorten würde, darauf wäre ich meinen kühnsten Träumen bisher nicht gekommen. Und dann kommt diese Band mit dem, sagen wir mal, ungewöhnlichen Namen The Bewitched Hands On The Top Of Our Heads.

 Ihre ganz hervorragende erste EP Hard To Cry erinnert nämlich stark an Arcade Fire zu ihren besten Zeiten, an deren Landsmänner und –frauen von Broken Social Scene, an die irgendwie ein bisschen verschütt gegangenen Clap Your Hands Say Yeah! und sicher noch an die ein oder andere Größe in Sachen Indiemusik . Aber TBHOTTOUH haben diese ganzen musikalischen Referenzen eigentlich gar nicht nötig; ihre Musik funktioniert schon für sich allein sehr gut.

 Den Auftakt macht in „Hard To Cry“ ein mehrstimmiger Gesang, von leichter Gitarre und Klavier begleitet – dort singen sie irgendwann „so sweet, sweet, sweet, sweet, sweet“ und liefern damit irgendwie schon eine Quintessenz ihrer Musik. Auf den immer lauter und epischer werdenden Track folgen das kurze, von einem funkigen Bass getragene „Out of Myself“, das überbordende „I’m in slim“ und das akustische, melancholische „End Of The Night“, um schließlich mit einer kürzeren Version von „Hard To Cry“ abzuschließen, die sich sicher in sämtlichen Indiediskotheken gut machen würde. Allen Liedern gemein ist dass sie das Gefühl hervorrufen, man hätte sie schonmal irgendwo gehört, ohne jedoch zu langweilen; sie erinnern an schon oben genannte Bands ohne das man das Gefühl hätte, sie würden schonmal gekautes neu servieren. Die Leichtigkeit mit der sich die Tracks der Franzosen in die Gehörgänge schmuggeln muss also wahrlich vor keiner Genregröße zurückstecken. Auf jeden Fall bietet „Hard to Cry“ den perfekten Soundtrack für laue Sommertage, heiße Sommertage, verregnete Sommertage… also eigentlich für jeden Tag, an dem man mit euphorischen Melodien und mitreißenden mehrstimmigen Gesängen verzaubert werden will. Hier reiht sich Hit an Hit und man kann diese 5 (bzw ja eigentlich nur 4) Songs mehrmals hintereinander  hören ohne sich zu langweilen, da The Bewitched Hands… es tatsächlich schaffen, in diese paar Lieder größtmögliche Abwechslung zu bringen. Im Oktober folgt dann das erste Album und das lässt nach dieser kleinen Kostprobe vom Potential dieser Band sehr großes hoffen. Bis dahin gilt für alle Fans von sonnigem Indiepop (und eigentlich auch für alle anderen): man höre die Tracks auf Myspace, lasse sich zusätzlich von „Work“ verzaubern und flitzt danach sofort zu iTunes (oder in den Plattenladen). Unbedingte Kaufempfehlung!!

VÖ: 23.07.2010 über Savoir Faire/Sony Music Entertainment

2010/12/16

[Konzerte] Telepathe - 21.08.2010 - Support: Fehlanzeige - Das Bett/Frankfurt

Am Abend des 21. August, einem Samstag in einer äußerst konzertreichen Woche, bequemte sich Benzol mal wieder ins Frankfurter Bett - diesmal, um die Live-Qualitäten des Brooklyner Frauenduos Telepathe in Augen- und Ohrenschein zu nehmen.

ImageDa sich an diesem Tag das Wetter mal wieder dazu entschieden hatte, ein wenig den Sommer raushängen zu lassen, trat wohl das leider nur zu gut bekannte Phänomen für Tage mit solch hohen Temperaturen auf - die Leute sitzen wohl lieber mit einem kühlen Bier irgendwo draußen, anstatt sich in aufgeheizte Venues zu begeben. Und so kam man zwar nicht in einem menschenleeren Bett an, jedoch hätte man erwarten können, dass sich angesichts einer doch nicht gerade unbekannten Band ein wenig mehr Leute zu diesem Konzert einfinden würden. Nunja, den etwa 70 Anwesenden schien das nichts auszumachen und mir auch nicht; hat man doch in kleinerem Kreis meist deutlich bessere Chancen auf ein intimes und erinnerungswürdiges Konzert.

Aber diese Intimität musste erst einmal hart erarbeitet werden. Beim Blick auf die Bühne fällt ein beachtliches Arsenal von Instrumenten und Laptops auf und die Angst entsteht, dass die Künstler sich hinter diesem verschanzen könnten. Als Busy Gangnes und Melissa Livaudais dann die Bühne erklimmen, hält sich dieser Eindruck zunächst, scheinen die zwei Frauen doch relativ introvertiert. Sie scheuen sich allerdings nicht, das Publikum immer wieder zum Näherrücken aufzufordern, bis dieses sich dann endlich irgendwann auch direkt vor der Bühne befindet, und versuchen auch zwischen den Songs immer wieder Kontakt aufzunehmen, wovon leider die Hälfte irgendwo zwischen Mikro und Box verlorengeht.

Live jedenfalls muss die Musik nicht vor dem Sound von der Platte zurückstecken. Wenn eine Band vornehmlich mit elektronischem Equipment arbeitet, fürchtet man leider, dass die Innovation ein wenig flöten geht - dies ist hier allerdings nicht der Fall; die Songs klingen sogar ein wenig optimistischer im Vergleich zu der doch recht düsteren Grundstimmung auf Telepathes Album und EPs. Der Gesang ähnelt live stark den Stimmen von Tegan&Sara was auch besonders gut zu der Optik der Band passt, die tatsächlich Geschwister sein könnten.

ImageDas Publikum reagiert anfangs noch recht verhalten, jedoch verfallen mehrere Zuschauer überall schon früh in sanftes Wiegen und Wippen um ihr Gefallen an den ruhig scheppernden Songs auszudrücken und lassen sich, da ja nun schonmal der Platz dazu vorhanden ist, auch zu der ein oder anderen raumgreifenderen Tanzeinlage hinreißen. Als das Set gegen Ende etwas lauter und dynamischer wird, kann wohl kaum ein Fuß still halten - der Schluss kommt dann doch etwas überraschend, es hatte eigentlich eher so gewirkt, als würde es jetzt erst recht losgehen?! Aber eine gute Stunde Spielzeit ist doch angemessen angesichts des doch noch nicht sehr großen Repertoires dieser Band. Und es schien ja auch gefallen zu haben, angesichts der kleinen Schar von Leuten, die sich im Anschluss an das Konzert um das Merchandising herum sammeln, das von den Künstlerinnen persönlich unter die Leute gebracht wird. Fazit: etwas mehr Druck hätte diesem Abend nicht schaden können, trotz oder gerade wegen der Temperaturen. Aber vielleicht kommt der ja dann mit neuen Songs. Man kann jedenfalls davon ausgehen, dass jeder Gast an diesem Abend sein Eintrittsgeld gut angelegt sah und sich Telepathe immer wieder gerne live geben würde - bei der kleinen Benzol-Delegation war das jedenfalls so.

[Konzerte] Bear In Heaven - 18.08.2010 - Support: Fehlanzeige - Ponyhof/Frankfurt

Als am Abend des 18. August 2010 die drei schnurr- und dreitagebärtigen Herren von Bear In Heaven die Bühne des Frankfurter Ponyhofs betreten und anfangen ihre Instrumente zu bearbeiten, machen sich, trotz angenehm nicht zu großen Publikums, sofort klaustrophobische Gefühle breit.

ImageDenn was die Brooklyner aus ihren Instrumenten herauszuholen vermögen sollte eigentlich genug Energie haben um die Wände des Raumes in Schutt und Asche zu legen. Verblüffend, mit was für einfachen Mitteln diese Band eine riesige Wall of Sound erzeugen kann. Der elfengleiche Gesang, den man Jon Philpot auf den ersten Blick so gar nicht zutraut, harmoniert wunderbar mit wabernden Synthies und mal treibenden, mal hypnotischen Schlagzeugbeats. Unterstützung gewähren dabei durch, man mag glauben, Dutzende von Verzerrern gejagter Bass und Gitarre. Was auf Platte manchmal etwas einschläfernd und langweilig erscheinen mag, erhält live eine ganz andere Qualität, wird einem derartig um die Ohren gehauen dass einem ganz schwindelig werden könnte. Ein bisschen erinnert das an die wohl schon wieder vergessenen Secret Machines, die ja auch mit wenigen Mitteln Großes zu erzeugen vermochten. Jedenfalls weiß man nicht so wirklich, in welche musikalische Schublade man Bear In Heaven stecken soll. In einem Moment fabrizieren sie eine krude Mischung aus Dreampop und Postrock, im nächsten schmettern sie drauflos, dass die hier Schreibende unwillkürlich an Progrock vom Kaliber Rush denken muss.

Kein Wunder, dass das Publikum jubelt, als potentielle Hits wie Lovesick Teenagers oder You Do You angestimmt werden und anerkennend im Rhythmus mitwippt. Und als, schon ziemlich zu Beginn, dem Bassisten eine Saite reißt, wird die Zeit überbrückt, indem der Sänger mit monotoner Stimme irgendeine Anekdote über den kaputten Tourvan erzählt, deren Pointenlosigkeit durch willkürlich gesetzte Trommelwirbel ausgeglichen wird. ImageIrgendwie schräg, aber auch sympathisch. Kein Wunder also, dass nach einer guten Stunde und bereits gespielter Zugabe das Publikum immer noch nicht genug hat. Doch nachdem sich die Band durch das Publikum gedrängt hat, kann Philpot leider nur für ein entschuldigendes Schulterzucken in die Menge zurückkehren. Schade, denn man hat hier heute abend eines dieser Konzerte erleben dürfen, die nicht durch spezielle Höhepunkte bestechen sondern einen über ihren ganzen Verlauf in ihren Bann ziehen sodass man sich hinterher nur die Augen bzw Ohren reiben und darüber sinnieren kann, was da eben passiert ist. Und obwohl der Ponyhof den Anwesenden an diesem Abend einen superintimen Auftritt ermöglicht hat, bleibt doch irgendwie der Eindruck, dass da irgendwie das Stadion und die übertriebene Lightshow gefehlt haben... und vielleicht sogar ein paar Pyroeffekte?

Naja, aber bis es soweit ist kann man sich Bear In Heaven ja weiterhin in kleinen Clubs anschauen und das Gefühl bekommen, dass die Musik einen in ein paar Sekunden auf ein paar Kubikzentimeter Körpervolumen zusammenquetscht. Definitiv nix für Beklemmungsängstliche!

2010/12/15

[Konzerte] Chris Wollard & The Ship Thieves - 10.12.2009 - Support: Drag The River - Cafe Exzess/Frankfurt

Gegen Jahresende hätte man sich beinah einen Drehwurm einhandeln können, so oft tuckerten Mitglieder von Benzol durch die Lande um großartige Konzerte zu erleben. Eines davon: der Auftritt der Ship Thieves inklusive Hot Water Music-Mitglied Chris Wollard im Frankfurter Exzess am 10. Dezember.
Dieser Abend war dann auch mit großen Erwartungen verbunden, hatten doch nicht nur die Ship Thieves sich gegenüber einem phänomenalen Hot Water Music Konzert einige Tage zuvor in Wiesbaden zu behaupten (welches sicher ein enorm großer Anteil der an diesem Abend anwesenden besucht hatte, hier Schreibende natürlich inklusive); auch die Vorband Drag The River konnte mit einer Punklegende in ihren Reihen aufwarten, namentlich Chad Price von All aus Los Angeles. Puh. Ob große Namen allein einen Abend reißen könnten würde sich schließlich zeigen.

ImageDrag The River also kamen zuerst. Zwei Männer, zwei Gitarren, Americana-Country und Kommentare zur Größe des Frankfurter Flughafens – das ist dann leider auch so ziemlich alles was ich von diesem Konzert mitnehmen konnte. Die dargebotene Musikrichtung gehört nämlich leider nicht zu meinen Steckenpferden und auch wenn ich durchaus Gefallen an dem einen oder anderen Stück fand, so war mir der Auftritt in dieser Form auf Dauer dann doch leider ein wenig zu ruhig und eintönig. Der Rest des Publikums war auch eher verhalten, reagierte nicht wirklich auf Interaktionsversuche des Sängers und man konnte nur hoffen, dass sich die Stimmung im Laufe des Abends noch etwas lockern würde.

ImageAls dann Chris Wollard und seine Ship Thieves auf die Bühne stiegen und mit einem Druck loslegten der mir trotz Ohrenstöpsel das Trommelfell bedenklich vibrieren ließ, hätte also mal was passieren sollen. Tat es aber nicht wirklich. Obwohl der Raum gut gefüllt war, zeichneten sich die Anwesenden weniger durch Euphorie und Mitgang aus (bis auf einige bierselige Fußballfans die die Umstehenden furchtbar gern zum Pogen animieren wollten). Ob sie einen zweiten Hot Water Music-Auftritt erwarteten? Jedenfalls kann ich mir die mangelnde Begeisterung nicht erklären, hatte doch die Band ungeheure Livequalitäten  und vermochte mir so einige Songs, die ich auf Platte noch als recht dünn empfunden hatte, wahnsinnig schmackhaft zu machen; die Lieder kamen unheimlich energiegeladen rüber,  auf Platte sehr folkrockig klingende Stücke bekamen in der Livedarbietung teilweise einen ganz neuen Dreh  und ein Stück erinnerte mich gar an Tool! Chad Price kam bei einem Track zur gesanglichen Unterstützung zurück, Chris Wollard war wie üblich fröhlich angesoffen (Klischee erfüllt: Check!), den Blickfang auf der Bühne stellte aber wohl eher der Drummer, der wie ein irrer Derwisch seine Becken bearbeitete und dazu die Lockenpracht auf seinem Kopf durch die Gegend wirbelte um bei Spielpausen selig grinsend in die Luft zu starren. Zumindest ihm war eine gewisse Freude bei dem was er tat, anzumerken – nichtsdestotrotz verließen die Ship Thieves nach nicht mal einer Stunde die Bühne ohne dass im Publikum Forderungen nach Zugaben laut wurden.

ImageAlles in allem ein eher zwiespältiger Abend und ein klassisches Beispiel dafür, wie mangelnde Stimmung und Atmosphäre ein eigentlich erstklassiges Konzert runterziehen können. Für manche Anwesenden gab es an dem Abend wenigstens noch einen Lichtblick in der Form eines Mitschnitts des legendären mehrstündigen 2007er Chuck Ragan Konzerts  im Exzess auf limitiertem Vinyl, das am Ausgang käuflich zu erwerben war. Trotzdem – sollten sich die Ship Thieves noch mal in hiesige Gefilde verirren, möchte man ihnen sehr wünschen dass das Publikum ihnen dann etwas wohlgesonnener gestimmt sein wird. An der Erstband Wollards, wenn man es so nennen mag, mögen sich die Ship Thieves vielleicht nicht messen können, gehen sie doch auch musikalisch in eine andere Richtung, was aber nicht heißt, dass sie weniger zu bieten hätten, schon gar nicht live. Definitiv hätten sie an diesem Abend mehr Würdigung verdient und vielleicht erhält das Frankfurter Publikum ja noch mal eine Chance, das wieder gutzumachen.

[Konzerte] Kevin Devine - 16.12.2009 - Support: The Stars Tennisballs- MuK/Gießen

Am 16. Dezember 2009 war das Gießener MuK voll vorweihnachtlicher Stimmung. Die Kneipe 1022 war mit Stühlen ausgestattet worden, der Duft von Glühwein erfüllte den Raum und Spekulatius und anderes Gebäck wurde auf Tellern herumgereicht. Die perfekte Atmosphäre, um auf das letzte Deutschlandkonzert von Kevin Devine einzustimmen. 

ImageZunächst aber stehen The Stars Tennisballs aus Frankfurt auf der Bühne. Drei Burschen, die herzzerreißende Indiepoprocksongs abliefern, denen man noch so manch andere musikalische Genrebezeichnung unterjubeln möchte. Auf jeden Fall sehr schön und vielversprechend, was vom bereits zahlreich erschienen Publikum auch mit gebührender Aufmerksamkeit honoriert wird. Dürfen gerne mal wiederkommen!!

Dann erklimmt Mister Devine mit seiner Gitarre die Bühne. Dass ihm die verrauchte Luft in der Hamburger Astra Stube am Abend zuvor beinah die Stimmbänder weggeätzt hat, merkt man ihm nur bei zwischenzeitlichen Hustern an. Bereits als ersten Song schmettert er den hingerissenen Gästen „Brothers Blood“ mit solch einer Hingabe entgegen, dass man meinen könnte, dass ihm bei diesem Geschrei gleich die Kehle explodieren würde. Geht aber alles gut und Gießen bekommt mal wieder einen ausgedehnten Einblick in das Schaffen dieses großartigen Künstlers. In etwa zwei Stunden gibt er Aktuelles wie „I Could Be With Anyone“ und ältere Stücke wie „People Are So Fickle“ und „Just Stay“ zum Besten und auch die obligatorischen Coverversionen dürften nicht fehlen (diesmal ist unter anderem Leonard Cohens „Chelsea Hotel No. 2“ mit der höchst einprägsamen Textzeile „Well never mind, we are ugly but we have the music“ dabei).

Image Aber auch zwischen den Songs präsentiert sich Kevin Devine, eben in bester Singer-Songwriter-Manier, plauderfreudig, gibt kleine Anekdoten zum besten und erntet insbesondere Sympathiepunkte als er augenscheinlich weinseligen Oasis-Fans, die zu gerne selbst die Bühne erklimmen würden um mal ein Liedchen zum besten geben, auf besonders charmante Art und Weise ruhigzustellen vermag. Auch dem üblichen Prozedere „Konzert-Applaus-Zugabe“ möchte er sich heute nicht beugen: „I’ll finish now, go to the toilet, and when I come back, I’ll play some more songs for you!“

Ein Konzert also, das weniger durch besondere Höhepunkte besticht, sondern durch ein durchgehend gemütliches Beisammensein in beinah heimeligen Umständen, mit einem Sänger der einem das Gefühl vermittelt, man würde mit einem guten Freund am Lagerfeuer sitzen und alte Klassiker schmettern. Wem das ganze ein wenig zu ruhig war und wer die Songs von Kevin gerne in lauterem Gewand erleben möchte, der sei schon mal beruhigt – bereits im Februar kommt der Herr wieder, dann mit seiner Band im Schlepptau. Auch wenn er das nicht unbedingt nötig hätte. Von jenem Abend im Dezember konnte man auf jeden Fall ein warmes Gefühl und einen mit Spekulatius gut angefüllten Magen mit nach Hause nehmen und das Wissen, das es eben manchmal einfach nur einen Mann und eine Gitarre braucht und ein paar besonders schöne Songs und mehr nicht. Ein schöner Abschluss für ein gelungenes Konzertjahr.

[Konzerte] Mumford & Sons - 19.11.2009 - Support: Kristoffer Ragnstam - Gebäude 9/Köln

Ein All-Killer-No-Filler Debütalbum, von der heimischen und hiesigen Presse ausreichend gehypt, die drei Deutschlandtermine längst ausverkauft – die Erwartungen an das Konzert der großartigen Folk-Bluegrass-sonstwas-Kombo Mumford & Sons im Kölner Gebäude 9 am 19.11. wurden durch einige Umstände ordentlich hochgeschraubt.  Was dem Publikum dann aber schließlich geboten wurde, ging weit über das hinaus, was man sich von diesem Auftritt erhofft hatte.

Image Schon beim Voract Kristoffer Ragnstam samt Begleitband war der etwa 500 Personen fassende Raum ziemlich gut gefüllt und der Schwede vermochte mit seinem flotten, manchmal beinah psychedelisch anmutendem Indierock das Publikum zu begeistern. Als Marcus Mumford und seine „Familie“ dann die Bühne betraten und die ersten Takte vom Albumopener „Sigh No More“ anstimmten: vollkommene Stille im Raum.
Die komplette Meute schien den Atem anzuhalten, um diesen schließlich in dem Moment als auch das Lied lauter und dynamischer wird, in frenetischem Jubelgeschrei auszustoßen. Eine unglaubliche Atmosphäre, die sich durch die hervorragende musikalische Darbietung der vier Jungs auf der Bühne und das dankbare Aufnehmen eben jener durch das Publikum wechselseitig immer weiter hochschaukelt. So etwas habe ich persönlich noch auf keinem Konzert erlebt; schon gar nicht auf einem einer so jungen und gerade erst aufstrebenden Band. Die anfangs schüchtern wirkenden Jungs scheinen gar nicht glauben zu können, wie ihnen geschieht, freuen sich darüber, dass das Publikum jeden Song mitsingen kann und belohnen den minutenlangen Applaus nach jedem Song mit stetig steigender Spielfreude. Das beim ersten Song aufgetretene Phänomen hält sich weiterhin über die ganze Länge des Konzerts, was von Marcus Mumford mit lobenden Worten kommentiert wird: „Das liebe ich am deutschen Publikum – Ihr seid leise, wenn ihr leise sein solltet, und laut, wenn es nötig ist!“ 

Es hätte auch gar nicht anders sollen; wollte man doch keinen einzelnen Ton der so virtuos dargebotenen Stücke versäumen. Fast das komplette Debütalbum wird heruntergespielt; dabei wechselt jedes Bandmitglied mindestens einmal das Instrument, passt jeder Ton beim vierstimmigen Gesang perfekt und die Stücke erreichen live eine noch größere Intensität als auf Platte, was zu einer langen Reihe von Gänsehautmomenten führt. 

Doch auch menschlich wissen die Londoner zu überzeugen. Zwischendurch wird immer wieder ein wenig locker geplaudert, Mumford wundert sich über das hohe Dildoaufkommen in Hamburg und Winston Marshall gewinnt die Herzen durch die Vorstellung seiner Bandkollegen in gebrochenem Deutsch: „Für die Fräuleins: das ist Ted!“ 

Image Hat nun also die Stimmung sowieso schon das ganze Konzert über ein konstant hohes Niveau gehalten, kulminiert diese, nachdem „Thistle & Weeds“ gespielt wurde, in einem tosenden Applausstakkato, das bei anderen Bands erst dann ausgepackt wird, wenn es gilt, sie zu einer Zugabe zurück auf die Bühne zu bewegen. Dies bringt Mumford scheinbar dermaßen aus dem Konzept, dass er beim darauffolgenden „The Cave“ zunächst glatt seinen Einsatz verpasst. Solche kleinen Ausrutscher heiterten jedoch eher nur noch auf als dass man sie übel nimmt, sodass beim zweiten Anlauf, wie schon bei der Single „Little Lion Man“, wohl der komplette Saal am Tanzen ist.
Nach etwa einer Stunde ist das reguläre Set beendet, aber natürlich lassen sich die vier Herren zu einer Zugabe auf die Bühne bewegen und wagen es, „Sister“ komplett ohne elektronische Verstärkung vom Bühnenrand aus zu intonieren. Wieder beinah andächtige Stille – jedenfalls, bis „Country Winston“ lautstark eine Saite seines Instruments reißt. Unter Achselzucken und schelmischem Grinsen trommelt der nunmehr instrumentenlose spontan (und sichtbar ohne nennenswertes Können) auf dem Schlagzeug herum, was dem Publikum den letzten großen Lacher dieses von amüsanten Momenten gespickten Abends entlockt. 

Der abschließende, neue Song „Whisper In The Dark“ schließlich macht bereits jetzt große Lust auf das, was von dieser hervorragenden Band noch kommen mag und lässt sehr darauf hoffen, dass Mumford & Sons die große Ausnahme unter den schnell aufgestiegenen und ebenso schnell wieder vergessenen UK-Hype Bands dieser Tage sind. Auch wenn das wahrscheinlich bedeutet, dass man wahrscheinlich nicht mehr die Gelegenheit haben wird, die Jungs in so einem intimen Rahmen zu sehen, denn alle Anwesenden (vor allem wohl die, die nach dem Konzert bei bereits wieder angeworfenem Licht und Musik eine weitere Viertelstunde unter hoffenden Beifall vor der Bühne verharrten) haben wohl an diesem Abend gespürt, dass hier man etwas ganz besonderes geboten bekommen hat und Mumford & Sons sicherlich das Potential haben, noch verdammt groß zu werden. Wünschen würde man es ihnen allemal.