2010/12/18

[Platten] Spermbirds - A Columbus Feeling

ImageNach über 25 Jahren bewegter Bandgeschichte, zahllosen gespielten Shows, Besetzungswechseln und einer Reunion vor etwa 11 Jahren folgt nun das 8. Studioalbum der Spermbirds mit dem Titel A Columbus Feeling. Dabei zeigt dieses vor allem eines: Wut verfliegt im Alter nicht – gut so. 

Dass man im höheren Alter, integriert in Festen Jobs, Familie und beschenkt mit Kindern nicht mehr allzu schnell ein Album aus dem Ärmel schütteln kann, dürfte jedem einleuchten. Die Spermbirds aus Kaiserslautern haben sich für A Columbus Feeling nun knapp sechs Jahre Zeit gelassen und etwas vorgelegt, was Fans der ersten Stunde durchaus gefallen dürfte. Die Wut, welche die Band in den ersten Jahren ihrer Karriere versprühte, ist immer noch da und hat ganz offensichtlich hervorragend seinen Weg in die Prozesse des Songwritings gefunden.

Bei den ersten Durchgängen war ich zu Beginn wenig überzeugt. Mir fehlte ein wenig der rotzige Sound der ersten Scheiben und so richtig warm wurde ich mit A Columbus Feeling nur sehr schwer. Auf der im September stattfindenden Tour mit Youth of Today konnte ich mir schließlich jedoch einen hervorragenden ersten Eindruck davon machen, wie das neue Material live seinen Weg findet. Im Wiesbadener Schlachthof zeigte sich letztendlich eines: Das Zeug zündet wie verrückt. Komplette Ekstase im Publikum, großartige Spielfreude und Spermbirds, die vom Fitheitsgrad problemlos den Großteil der Punk- und Hardcorebands hierzulande in die Tasche stecken könnten.

Dieses Erlebnis erleichterte mir schließlich enorm den Zugang zu A Columbus Feeling. Das dürfte natürlich jedem anders gehen und von daher kann man nur den Rat erteilen: Wer auf Punk und Hardcore und Bands, die Probleme beim Namen nennen, steht, sowie knapp 40 Minuten Zeit hat, der sollte mal reinhören. Die Pfalz bebt!

: 03.09.201 Rookie Records / Cargo Records

[Platten] John K. Samson - Provincial Road 222 EP

ImageJohn K. Samson dürfte den Meisten wohl eher als Kopf der kanadischen Indieband The Weakerthans bekannt sein. Auf seiner letzten Tour durch Deutschland, die den Veranstaltern volle Clubs bescherte, konnte man sich jedoch bereits davon überzeugen, dass auch seine Solomusik auf offene Ohren stößt. Nun legt er mit Provincial Road 222 seine zweite EP vor. 

Der Nachfolger zu City Route 85 orientiert sich vom Namen her erneut am Straßenatlas seiner Heimatstadt Winnipeg. Und auch musikalisch ist auf Provincial Road 222 alles beim Alten geblieben: Schön arrangierte Akustiksongs im Gitarrengewand, die an den richtigen Stellen von klassischen Instrumenten wie einem Piano oder einer Harfe begleitet werden. Da sich auf der auf 500 Stück limitierten Scheibe lediglich drei Songs befinden, lohnt sich in diesem Falle durchaus ein Blick auf die Lyrics des Scheiblings.

The last and beschreibt die beendete Beziehung oder Affäre eines Lehrers zu seiner Schulleiterin und lässt den Hörer dabei tief in die Seele des Geschundenen blicken. Ungewöhnliches Thema, aber eine Darstellung der Gefühle aus einem Blickwinkel, den man selbst so noch nicht vor Augen oder Ohren geführt bekommen hat. Petition hingegen ruft zu der Unterzeichnung einer Petition auf, die sich mit der Wahl des Eishockeyspielers Reagie Leeach in die Hockey Hall of Fame beschäftigt. Dieser stammt aus der Stadt Riverton und dürfte durch die Arbeit von John K. Samson durchaus auch im Ausland einen kräftigen Bekanntheitsschub erhalten. Ganz nebenbei ziert seine Person auch das Coverartwork der Provincial Road 222-EP. Das dritte Stück Stop Error beschreibt das Leben einer Person, die aufgrund ihrer starken Computersucht den Hang zur Realität verliert – musikalisch Dargeboten im Chor und mit Kanon.

Im Endeffekt also drei ziemlich ungewöhnliche Themen, denen er sich auf der EP annimmt, die für sich jedoch nicht minder interessant sind. Fans der Weakerthans sollten auf jeden Fall einmal reinschnuppern – Hörer, die bereits zuvor von der Arbeit Samsons beeindruckt waren, dürften auch dieses Mal wieder voll auf ihre Kosten kommen. Alles richtig gemacht, also.

Releasedate: 17.09.2010
Label: Grand Hotel van Cleef

[Platten] Dukes Of Windsor - Kitchen EP

ImageFünf Lieder enthält die neue "Kitchen EP" von den Dukes of Windsor, den australischen Wahlberlinern, die ab sofort mit der "Ich bin ein Duke"-Tour in Deutschland unterwegs sind. Vier der Songs sind akustische Aufbereitungen anderer Songs, (wahrscheinlich in der Küche eingespielt, daher wohl der Name), und hey, was soll ich sagen: Sie gefallen mir! Insgesamt handelt es sich um leicht verdauliche Lieder, die musikalisch zwar nicht unbedingt die neuesten aller Pfade betreten (zum Glück), trotzdem in jedem Moment äußerst kreativ und modern umgesetzt sind (hört man vor allem bei "No Disguise" und "The Others").

Manchmal klingt die "Kitchen EP" wie Super 700, ebenfalls aus Berlin, was aus meiner Sicht schon fast einem Ritterschlag gleichkommt - auch wenn ein echter „Duke“ diesen wohl nicht mehr nötig hat. Diese Ähnlichkeit gründet nicht nur, aber speziell auf Grundstimmung und Gesang: Einend auf die vorliegenden Songs wirkt eine gewisse Melancholie, zuweilen vorsichtig, zuweilen offensiv vorgetragen durch die ziemlich weibliche Stimme Jack Weavings, dem wohl auffälligsten Markenzeichen der Dukes.

Lied Nummer 5 von 5 sticht aus den anderen heraus: "Crystal's getting high" als "plugged-Version" gefällt mir schlicht und ergreifend extrem gut. Greift ein Bisschen in die Emokiste, ist dabei aber nie unangenehm kitschig oder überladen. Ingesamt bin ich ja eher ein Verfechter gestöpselter Musik, so wie hier klappt es aber auch, und zwar fantastisch.

Die "Ich bin ein Duke"-Tour 2010
08.10.2010 Hamburg - Indra Mondial
09.10.2010 Bremen - Tower
13.10.2010 München - 59:1
14.10.2010 Frankfurt - Ponyhof
15.10.2010 Freiburg - Kamikaze
16.10.2010 Konstanz - Kulturladen
17.10.2010 Regensburg - Heimat
19.10.2010 Aachen - Musikbunker
20.10.2010 Osnabrück - Haus der Jugend
21.10.2010 Krefeld - Kulturfabrik
22.10.2010 Halle - Club Druschba
23.10.2010 Jena - Rosenkeller
29.10.2010 Berlin - Lido


VÖ: 08.10.2010 / Motor
www.dukes-of-windsor.com"

[Platten] Meursault - Pissing On Bonfires / Kissing With Tongues

Image Das neue Album Pissing on bonfires / Kissing with tongues der schottischen Band Meursault wird in deren Heimat mit Spannung erwartet. Hierzulande dürften die Jungs eher unbekannt sein, was sich mit dem vorliegenden Album ändern könnte. Quatsch, ändern sollte.

Was erwartet uns also auf dem Album mit dem schrägen Titel? Der Opener Salt Pt.1 eröffnet mit glitzernden Effekten, um dann im fiesesten und gleichzeitig tollsten Drumcomputer der letzten Jahre zu münden. Darüber legt sich mit viel Halleffekt die Stimme von Neil Pennycook, die auch durchaus als Symbiose von John Fruiscante und Kele Okereke durchgehen könnte.

Eine interessante Mischung liefern sie da ab. In "The Furnace", dessen Hintergrundmelodie aus der digitalen Feder der Crystal Castles entsprungen sein könnte, mischt sich ein Banjo, das dem ganzen Elektrozeugs ordentlich paroli bietet. Sie selbst nennen es Folktronica, was ich jedoch erst mit dem vierten Song, passenderweise Salt Part 2 genannt, ohne Probleme entschlüsseln kann.

Prescht das erste Drittel der Platte noch in bester Friday-Night-Dancing-Manier nach vorne, drosseln die Schotten später das Tempo. Sperren den Gesang gerne noch ein bisschen weiter in die Hallhöhle und lassen auch schonmal ein Akkordeon vor sich hin melancholieren. Akkustikgitarren, Spielautomatengeplucker und ganz viel Einfühlsamkeit. All das hat dieses Album zu bieten. Da kommen die klassischen Folksongs, wie etwa A small stretch of land beinah langweilig daher.

Da bin ich ernsthaft überrascht. Fernab jeglicher Hypeberechnung kommt diese Band daher und spielt sich in mein Herz. Toll.

www.myspace.com/meursaulta701

VÖ:12.11.2010 auf Popup - Records / Cargo Records